Geschrieben von Andreas am Samstag den 15. April 2006
Quetta, Pakistan
Asalaam Aleikum!
Waehrend wir hier in Quetta, der einzigen groesseren Stadt im Umkreis von mehreren hundert Kilometern mitten in der Wueste auf eine Entscheidung des iranischen Innenministriums warten, halten wir euch mal ueber unsere Erlebnisse im “Land der Reinen” auf dem Laufenden:
In Indien haben wir ja schon einiges ueber Pakistan gehoert: Dass dort alle Einwohner Terroristen seien, dass es ueberall organisierte Kriminalitaet gaebe und dazu noch ueberhaupt keine Sehenswuerdigkeiten. Auch CNN und BBC erwecken eher den Eindruck, man fahre grad in ein Land voll von durchgeknallten Fundamentalisten, die einem den Kopf abschneiden wollen. Als wir dann aber in Lahore ankamen, waren wir echt ueberrascht: Die Stadt ist die wahrscheinlich offenste, angenehmste und freundlichste Stadt auf dem ganzen Subkontinent! Viel mehr Frauen als in Indien liefen rum, und anders als im Nachbarland hatten viele kein Kopftuch und konnten sogar englisch! In Indien laufen Frauen, die nicht aus der Oberschicht kommen, in der Gegend herum wie desillusionierte Kreaturen, die eigentlich nur darauf warten, im naechsten Leben als etwas cooleres geboren zu werden. Die Strassen sind viel sauberer, die Leute pinkeln und kacken nicht mehr einfach in die Gegend, es gibt fast keine Bettler, und die Leute wollen einen nicht abzocken, sondern ganz im Gegenteil: Sie verweigern Bezahlung, weil wir ja Gaeste ihres Landes sind!
Den ersten Abend gingen wir mit Essi und Astrid, zwei deutschen Maedchen die wir an der Grenze getroffen hatten, und einem etwas seltsamen Japaner erst mal stundenlang auf Zimmersuche. Danach liessen wir uns noch zu einem Sufi-Schrein fahren, um die wirklich eigenartige Zeremonie anzuschauen, die dort jede Woche stattfindet. Sufismus ist eine mystische Richtung des Islam: die Sufis (oder Derwische) versuchen durch wildes Tanzen und ziemlich viel Marihuana in Trance zu kommen, die sie naeher an Allah bringt. Als wir dort ankamen, war der ganze Schrein gerammelt voll mit baertigen Pyjamatraegern, der dicke Dunst von Gras hing in der Luft und die Ohren droehnten von dem psychedelischen Getrommel und dem seltsamen Bueffelhorn, durch das der “Trompeter” immer wieder blies. In der Mitte wirbelten mehrere Sufis wie wild in der Gegend herum, schuettelten ihren Kopf 20 Minuten ohne Unterbrechung hin und her und grinsten dabei als seien sie schon im Paradies. Es war wirklich unglaublich, dass diese Leute nicht nach einer Viertelstunde vor Erschoepfung zusammenbrachen, sondern fuer Stunden bis spaet in die Nacht weitermachten!
Es ist zwar eine eigentlich unzulaessige Verallgemeinerung, aber die Pakistaner sind wirklich die gastfreundlichsten Leute, denen wir bisher begegnet sind! In den naechsten Tagen in Lahore - und auch auf der ganzen weiteren Reise - wurden wir unzaehlige Male zum Tee eingeladen, Leute wollten uns mit in ihr Heimatdorf nehmen oder zahlten den Bus fuer uns, wenn wir sie nur nach dem Weg fragten! Staendig wurde und wird uns Essen angeboten, sogar von Restaurants! Polizisten, Soldaten oder Ladenbesitzer wollen unsere Hand schuetteln, Fernsehsender wollen Jingles mit uns aufnehmen und so ziemlich jeder will Fotos von uns machen. Wildfremde Leute haben mir Buecher ueber den Islam geschenkt, in Bussen oder Zuegen kriegen wir die besten Sitze und bei Schlangen werden wir oft nach vorne gerufen.
Mit der Zeit kann das natuerlich auch anfangen ziemlich zu nerven: Als wir uns nur die wirklich schoene Badshahi-Moschee und das alte Fort der Moghul-Kaiser anschauen wollten, wurden geschaetzte hundert Fotos von uns gemacht, wir schuettelten wahrscheinlich doppelt so viele Haende und beantworteten immer die gleichen Fragen: Wo wir herkommen, wie wir Pakistan finden und ob wir zuvor gedacht haben, alle Pakistaner seien Terroristen. Wir koennen nie einfach in Ruhe die Strasse entlanggehen, weil wir als Auslaender immer “Gaeste” sind und jeder gute Muslim sich verpflichtet fuehlt, sich uns anzunehmen.
Diese Frage ueber die Terroristen ist sehr bezeichnend fuer Pakistan: Die Leute sind besessen von diesem Thema, alle wissen wie ihr Land in westlichen Medien dargestellt wird und das tut ihnen anscheinend sehr weh. In Pakistan gibt es prozentual ungefaehr so viele islamische Fundamentalisten wie in Deutschland Neonazis, und so beleidigend wie wir es finden, als Nazis bezeichnet zu werden, finden sie ihre Darstellung im Ausland.
Es ist erstaunlich wie viele Leute in Pakistan Alkohol trinken (obwohl es offiziell verboten ist) oder nicht zur Moschee gehen. Das heisst natuerlich nicht, dass sie nicht an Allah glauben (wir haben bisher keinen einzigen Atheisten oder Agnostiker getroffen), aber sie setzen den Islam nicht ueber alles andere - zumindest nicht in Lahore. Fast jeder in Pakistan redet gern ueber Politik, und jeder kommt mit anderen Verschwoerungstheorien auf - vielleicht kommt diese Vorliebe daher, dass das Land mehr als die Haelfte seiner Existenz lang von Diktatoren regiert wurde und die Leute es so gewoehnt sind, die “Wahrheit” hinter den offiziellen Fakten zu suchen, dass sie das einfach nicht mehr abstellen koennen! Verlorene Cricketspiele (Indien hat den Schiedsrichter bestochen), der 11. September (es war der Mossad), der Irak (Bush will die Iraker zu Christen konvertieren) und natuerlich der amerikanische Unilateralismus (die uebliche zionistische Weltverschwoerungstheorie) werden alle teils sehr kreativ / abstrus erklaert.
Seltsamerweise geben sie - nachdem sie einem lang und breit erklaert haben, dass CNN nur luegt - fuer ihre Nachbarlaender die ueblichen westlichen Stereotypen wieder: Die Iraner seien alle Fundamentalisten und die Afghanen Terroristen…
Kein Einziger hat uns ueber die Mohammed-Karikaturen befragt, aber trotzdem konnten wir in Lahore die Folgen sehen: Ein McDonalds war komplett ausgebrannt, ein anderer ziemlich demoliert. Als wir vor den verkohlten Ruinen des KFC standen (wie wir gehoert haben, hat der Mob vor dem Anzuenden noch alle Chicken Wings aufgegessen), bat uns ein peinlich beruehrter Soldat, doch bitte kein Foto zu machen. Ein Passant erklaerte uns dann, dass das eben passiert, wenn man den Propheten (Friede sei auf ihm) beleidige, und gleich im naechsten Satz fragte er, wie er denn einen deutschen Pass bekommen koenne, er wuerde dafuer auch aufhoeren, Muslim zu sein…
Ueberhaupt, Muslime: Der Islam, der in Pakistan praktiziert wird, hat entgegen allen Beteuerungen soviel mit Mohammeds Islam gemein wie der Katholizismus mit den Lehren von Jesus. Da die meisten Muslime auf dem Subkontinent konvertierte Hindus oder Buddhisten sind, wird Mohammed manchmal wie Buddha verehrt; es gibt ein Aequivalent zu den hinduistischen Sadhus, die Fakire, die nicht immer wie bei uns geglaubt auf einem Nagelbrett sitzen, sondern einfach heilige Einsiedler sind (Sebastian, von dem ich spaeter schreibe, hat einen in der Naehe von Islamabad in den Bergen entdeckt); in der Badshahi-Moschee in Lahore liegen Reliquien von Mohammed (seine Schuhe, sein Schwert, ein paar Haare usw.), und jeder kuesst die versiffte Scheibe; und ueberall im Punjab stehen Schreine von Sufi-Heiligen rum, die wie hinduistische Goetter verehrt werden. In einem Bus in Peshawar hat mir ein baertiger Mann, der zuvor die ganze Fahrt mit seiner Gebetskette gebetet hatte, mit seinem Taschenrechner meine Zukunft vorhergesagt. Das alles ist laut “orthodoxem” Islam verboten, denn Heilige, Wahrsager, weltliche Gegenstaende usw. sind einfach nicht verehrungswuerdig. Trotzdem kuemmert das hier niemanden so richtig, ausser ein paar engstirnigen Fundis.
Nach fuenf Tagen in Lahore kannte uns das ganze Basarviertel, und unser Stammrestaurant (das eh nie den vollen Preis von uns wollte: etwa 1,50 Euro fuer ein riesiges Essen fuer zwei) spendierte uns ein pakistanisches Festessen: Ziegenhirn, Joghurt, Fladenbrot, Gemuesecurry und Kebab (ungefaehr wie Cevapcici, hat nichts mit dem tuerkischen Kebab zu tun). Ein reicher Pakistaner, der ein bisschen auf Astrid stand, fuhr uns zu einem Freizeitpark, wo etwa 10.000 Maenner auf eine Coverband abgingen. Als wir fragten, warum denn da keine Frauen seien, meinte er: “Frauen wollen sowas nicht”.
Pakistan ist das einzige Land, von dem ich gehoert habe dass Touristen Dinge billiger kriegen als Einheimische - sonst ist es ja immer umgekehrt. Alle Auslaender kriegen 25 % auf Bus und Bahn, Studenten sogar 50! Dummerweise muss man dafuer eine Dreiviertelstunde in der Hoelle subkontinentaler Buerokratie verbringen, in einem Buero mit 8 Beamten und Stapeln voll in der feuchten Luft verrottenden Akten, die alle Tee trinken, rauchen und Zehennaegel schneiden. Der Zug nach Rawalpindi war aber - im Vergleich zu Indien - eine Offenbarung!
Die pakistanische Hauptstadt ist ungefaehr wie die indische in klein: Rawalpindi und Islamabad sind mittlerweile fast zu einem Konglomerat zusammengewachsen, wobei ‘Pindi (wie die Pro’s sagen) das typische siffige und laute Gewusel ist und Islamabad die vor 40 Jahren nach Schachbrettmuster angelegte kaum gelungene Persiflage auf westlich-europaeische Staedte. Natuerlich hat das Auswaertige Amt auch hierher Beamte abgestellt, die wir mit unserem Besuch belaestigen koennen: Ellen (auch eine Kollegin von Ricki) und ihr Mann Sebastian haben uns wirklich sehr freundlich empfangen und viele interessante Dinge ueber dieses seltsame Land erzaehlt. Sie wurden aus einer kleinen Muenchner Wohnung in eine ueberdimensionierte Villa im Zentrum von Islamabad transferiert, komplett mit Waechtern, Gaertner und Diener. Auch nach eineinhalb Jahren finden sie das immer noch etwas seltsam, aber fuer uns war es wie ein kurzer Flug nach Deutschland: Der Diener, Sherafzal, konnte naemlich auch Schnitzel und deutsches Fruehstueck machen! Da Ellen natuerlich fuer den ganzen Luxus auch was tun musste, zeigte uns Sebastian die nicht gerade vielfaeltigen Sehenswuerdigkeiten der Hauptstadt: Das Scharia-Gerichtsgebaeude; den Palast von General Musharraf; die Villa, in der Atombombenbauer Khan anscheinend recht angenehm im Hausarrest fristen muss; die groesste Moschee der Welt, ein riesiges Betongeschenk der Saudis, das den Stil einer evangelischen Vorortkirche aus den 70ern hat; und die Huegel um Islamabad, in denen Sebastians Jeep sich so richtig austoben kann.
Nach zwei Tagen zogen wir weiter, obwohl wir es wirklich sehr genossen haben dort. Wir wollten den Karakoram Highway hoch in den Himalaya fahren, aber das unglaubliche Chaos am Busbahnhof verzoegerte die Abfahrt um eine Stunde, und noch in den Vororten von Rawalpindi platzte der erste Reifen.
Der Karakoram Highway wird hier gerne als “Achtes Weltwunder” bezeichnet, und nicht zu Unrecht: Er wurde teils in den nackten Fels gesprengt, durch eines der hoechsten Bergterrains der Welt und durch einige der menschenfeindlichsten Gebiete des Planeten. Hunderte kamen beim Bau um, und jedes Jahr kostet es viel Geld und Arbeit, damit sich der Himalaya die Strasse nicht wieder zurueckholt durch Erdrutsche, Steinschlaege, Erdbeben oder Gletscher. Den Spass haben zur Haelfte die Chinesen bezahlt, damit sie ihren Ramsch auch in Pakistan verkaufen koennen und per Karachi schneller nach Europa schippern, und dementsprechend voll ist die ganze Gegend mit chinesischem Krimskrams. Das Wort “Highway” fuehrt aber in die Irre, der KKH wirkt eher wie ein kleiner betonierter Feldweg, nur dass es meistens rechts tausend Meter senkrecht nach unten geht und links senkrecht nach oben. Es wurde schnell dunkel, aber der Mond erhellte den Nanga Parbat und andere richtig hohe und schneebedeckte Berge als seien sie angestrahlt. Die Fahrt ging durch Gegenden, die bis in die 80er nicht mit einer Strasse verbunden waren und deswegen auch nie der Kontrolle Pakistans unterlagen. Die Stammesfuehrer dort wollen daran nichts aendern und fuehren deswegen regelrechte Kleinkriege mit der Regierung und anderen Clans, weshalb es oft Checkpoints gibt und Militaerkonvois. Um vier Uhr nachts kamen wir dann nach der zweiten Reifenpanne endlich in Besham an, einem kleinen Ort, der eigentlich nur aus zwei Haeuserzeilen (Metzger und Waffenlaeden) zu beiden Seiten der Strasse besteht. Natuerlich haben sich wieder mal zwei Pakistaner verpflichtet gefuehlt, uns zu helfen, und da die Gegend (Indus Kohistan) ziemlich unsicher ist, wollten sie nicht dass wir in einem Billighotel uebernachten und handelten eines der nobleren Hotels im Ort auf ein paar Euro runter - natuerlich kannten sie wieder den Besitzer, in diesem ganzen riesigen Gebiet kennt irgendwie jeder jeden.
Am naechsten Morgen lud uns ihr Chef, der sich am Tag zuvor (natuerlich rechtswidrig) ziemlich viel hinter die Binde gekippt hatte und einen Mordskater hatte, zum Fruehstueck und Mittagessen ein und organisierte die Weiterfahrt fuer uns.
Die Fahrt ging mitten durch das Erdbebengebiet vom letzten Oktober. Ueberall waren zerstoerte Doerfer und riesige Fluechtlingscamps der unterschiedlichsten Laender (v.a. Kuba, China und islamische Laender), die teilweise recht haarstraeubend an der steilen Felswand entlang angelegt waren. Es war immer noch sehr kalt, und wir konnten uns nicht vorstellen wie die Leute den Winter in den duennen Zelten ueberlebt hatten, aber uns wurde immer erzaehlt, dass die es hier gewoehnt seien zu frieren.
Die Fahrt ging durch das Tal des maechtigen Indus (der Fluss, der Indien seinen Namen gegeben hat und paradoxerweise jetzt in Pakistan liegt), und nach einiger Zeit gewoehnten wir uns an die andauernden Schluchten, die gleich neben unserem Fenster steil zum Flussbett runtergingen, und an die irren Ueberholmanoever auf einer schmalen Strasse ohne Absperrungen…
Nach weiteren Militaerkonvois, Geroell auf der Strasse und sich langsam ueber den KKH schiebenden Gletschern kamen wir wieder mal nachts in Gilgit an, dem groessten Ort in den Noerdlichen Gebieten, aber trotzdem ein Kaff. Obwohl der Ort sehr klein ist, versammeln sich hier Dutzende von verschiedenen Sprachen, Ethnien und Religionen, denn dieses Gebiet war mal Teil der Seidenstrasse und wurde von Eroberern und Haendlern aller Herren Laender betreten - und ein paar blieben immer. Wie das so ist mit multikulturellen Gesellschaften heutzutage, wollen sie sich ploetzlich auch hier die Koepfe einschlagen, weshalb die Stadt eher wirkt wie ein Armeelager: Ueberall sind Checkpoints, Jeeps mit aufgesetztem Maschinengewehr patroullieren die Strassen und an jeder Ecke stehen Sandsackbarrieren und Soldaten. Als wir endlich ein Hotel gefunden hatten, dessen Besitzer sich aufwecken liess, stand ploetzlich ein Soldat mit Kalaschnikow in unserem Zimmer und erklaerte, dass er ein “Pakistan Ranger” sei, die Stadt verteidige und mit uns Tee trinken wolle. Wir freundeten uns mit ihm und seinen Kollegen an, und mussten dann jedes Mal Tee trinken und etwas essen, wenn wir an ihrem Maschinengewehrposten vorbei kamen.
Mit den beiden Jungs aus dem Bus trafen wir uns auch wieder: Karim und Deeda sind professionelle Bergsteiger und waren sogar schon ein paar Mal mit Reinhold Messner unterwegs! Wir besuchten den ganzen Tag verschiedene Verwandte und mussten natuerlich wieder ueberall Tee trinken und essen, so dass uns am Abend richtig schlecht war.
Die muslimische Gastfreundschsft ist schier unerschoepflich, und deshalb kam Deeda natuerlich mit ins Hunza-Tal, in das wir unbedingt wollten und aus dem seine Familie stammt.
Das Hunza-Tal ist noch etwas hoeher im Himalaya und war schon immer wie geschaffen fuer Mythen aller Art: Die Leute dort sprechen - wie in jedem Tal - eine Sprache, die mit keiner anderen verwandt ist, und sie haben es ueber die Jahrtausende geschafft, aus der kargen Hochgegend einen Garten Eden zu machen, mit Obstbaeumen, Feldern und kleinen Doerfern. Manche halten das Tal fuer das sagenumwobene Shangri-La, und Westler sind eher beeindruckt davon, dass viele Einwohner hier weit ueber hundert Jahre alt werden - dank der eigenwilligen aber sehr gesunden Kueche (Aprikosensuppe und so) und der guten Luft. Wenn man in das Tal hineinfaehrt, wirkt die Gegend ploetzlich sehr unwirklich, eher wie aus einem Fantasyfilm: Das gruene Tal ist durchsetzt mit Sprenkeln von roten und weissen Kirschblueten, der Hunza-Fluss zieht friedlich durch die Doerfer und an beiden Seiten des Tals steigen einige der hoechsten Berge der Welt empor. Wir wohnten in Karimabad, einem kleinen Ort aus Lehmhuetten, der ungefaehr so hoch lag wie die Zugspitze und dementsprechend kalt war - nicht gerade ideal, wenn der Rucksack voll ist mit Klamotten fuer die Tropen oder zumindest europaeischen Sommer.
Mit Deeda machten wir einen Trek zum Ultar-Gletscher, der fuer Deeda, der es gewoehnt ist zum K-2 oder Nanga Parbat zu trekken, natuerlich ein Spaziergang war, aber fuer uns knapper Selbstmord. Stundenlang stiegen wir das Gletschertal hoch, mit jedem Hoehenmeter wurde es noch anstrengender. Immer wieder brachen riesige Eiszapfen von der Felswand ab und schlugen dumpf auf dem Boden auf, und als wir total erschoepft am Gletscher ankamen, war die Temperatur schon weit unter Null gesunken und es schneite. Deeda hielt uns mit Reinhold-Messner-Imitationen vom Kollabieren ab: Anscheinend hat der gute Mann Wutausbrueche, auf die Oliver Kahn stolz waere!
Natuerlich mussten wir auch dort wieder Deedas Familie besuchen, und das sind hier immer komplette Sippschaften: Wir sassen in zig Haeusern und hatten danach wieder die ueblichen Tee-Bauchschmerzen…
Die meisten Leute in dieser Gegend sind Ismaeliten, eine recht moderne Form des Islam, die den Aga Khan als Nachfahren Mohammeds und rechtmaessigen Anfuehrer anerkennt. Bisher kannten wir den guten Aga Khan ja nur aus der Boulevardpresse, aber dort hing sein Portrait in jedem Zimmer, Orte waren nach ihm benannt und an den Berghaengen waren noch die riesigen Begruessungen fuer ihn wegen seines letzten Besuchs zu sehen.
Alle dort sind sehr stolz auf ihren krassen Familienzusammenhalt, und wenn sie uns fragten was wir in Europa mit unseren alten Menschen machen, waren wir immer etwas peinlich beruehrt.
Aber nicht nur Ismaeliten gibt es im Hunza-Tal, sondern auch Schiiten. Als wir von Gilgit losfuhren, musste der Bus eine Stunde lang an einer Kreuzung warten, bis eine Prozession von tausenden Schiiten vorbeimarschiert war, die um den Tod ihres vor ueber einem Jahrtausend verstorbenen Imams Hussein trauerten - die Beerdigung von Milosevic, die wir am selben Morgen bei BBC gesehen hatten, war ein Witz dagegen! Die Schiiten trauern jedes Jahr 40 Tage lang, und wir waren auch dabei, als im Hunza-Tal ein Trauerzug den Hoehepunkt der Zeremonie beging: Dutzende Schiiten mit blossen Oberkoerpern schlugen sich mit Peitschen, an deren Enden Rasiermesser befestigt waren, auf den Ruecken, bis dieser nur noch eine einzige blutige Sauerei war. Die Strasse war danach gesprenkelt mit Blutstropfen, die geparkten Autos sahen aus wie nach einem Masskaer und die Sanitaetszelte des Roten Halbmonds waren voll mit Maennern, die es etwas uebertrieben hatten mit ihrer Trauer. Diese Prozession gehoert zu den seltsamsten Dingen, die wir je gesehen haben, aber die Fundis von Opus Dei geisseln sich ja auch…
Nach ein paar Tagen, in denen Jetti konstant noergeliger wurde wegen der andauernden Kaelte (etwa 7-8 Grad im Zimmer), musste ich sie regelrecht zwingen, noch ein wenig noerdlicher zu fahren, nach Passu. Dort waren wir gar nicht mehr so weit weg von der chinesischen Grenze, und das Fernsehprogramm hatte auch schon russische Sender. Nicht dass wir einen Fernseher gehabt haetten, oder sonst irgendwas… Es war noch so kalt dort, dass kein Hotel offen hatte, aber da ausser uns auch zwei Koreaner und ein eigenbroetlerischer Belgier ein Zimmer brauchten, oeffnete einer sein “Hotel” schon vorzeitig: Eine bruechige Lehmhuette mit siffigen verwanzten Matratzen, keinem Wasser und ueblem Modergestank. Ohne Zweifel das schlimmste Zimmer, dass wir auf der Fahrt hatten, es wirkte eher wie eine syrische Gefaengniszelle, aber zum Glueck war es zu kalt fuer Ratten. Um nicht zu erfrieren mussten wir gleich mehrere speckige Decken uebereinanderschichten, die so schwer waren dass man gar nicht mehr frei atmen konnte. Und die naechsten Tage hatten wir immer Bettwanzen…
Zusammen mit den Koreanern wollten wir zu einer Haengebruecke in der Naehe laufen, die Beschreibung von Lonely Planet war aber so ungenau dass wir uns so richtig verliefen. Stundenlang kraxelten wir Bergruecken rauf und runter, durch monstroese Dornenstraeucher (das einzige was dort noch waechst) und ein ausgetrocknetes Flussbett, bis wir endlich an der ziemlich labilen Haengebruecke ankamen und ich, laut Jetti, endlich meine “idiotischen Indiana-Jones-Instinkte” befriedigen konnte - mei, lass mich halt…
Beim Rueckweg bekam Jetti dann noch Muskelkraempfe im Bauch von der ganzen Ueberanstrengung, die mehrere Tage anhielten.
Erschoepft kamen wir wieder in Gilgit an, das uns ploetzlich wie ein Leuchtstern der Zivilisation und eine Weltstadt vorkam, wir erholten uns ein paar Tage, tranken wieder Tee mit Soldaten und Karims Familienmitgliedern und machten uns dann auf den langen Weg zurueck in die Punjab-Ebene.
Wir fuhren gerade durch ein ziemlich gefaehrliches Gebiet in Indus Kohistan (jeder sagte immer nur, es gaebe “problems” hier, aber keiner wollte uns sagen was fuer welche denn genau), als der Bus ploetzlich an die Seite fuhr, den Motor ausmachte, der Busfahrer eine Durchsage machte und dann alle wie selbstverstaendlich einschliefen. Es war mitten in der Nacht, wir hatten keine Ahnung was los war und da anscheinend alle Menschen auf dem Subkontinent ein Problem mit ihren Polypen haben, war das Geschnarche kaum auszuhalten. Wir gingen nach draussen in die Kaelte und trafen zwei junge Gilgiter, die uns erklaerten dass der halbe Berg auf den Karakoram Highway gefallen ist und wir erst am Morgen weiterfahren koennten. Anfangs waren sie noch sehr nervoes wegen den boesen boesen Kohistanis in der Gegend hier, doch dann entspannten sie sich und wir redeten stundenlang ueber die ueblichen Themen hier: Weltpolitik und was fuer eine friedliche Religion der Islam eigentlich waere, wenn es nicht die machthungrigen und erzkonservativen Dorfmullahs gaebe. Es ist erstaunlich wie viele gebildete und weltoffene Menschen es in Pakistan gibt, vor allem unter den Ismaeliten.
Am naechsten Morgen sahen wir das wahre Ausmass: Felsen so gross wie ein Haus lagen auf der Fahrbahn, und nachdem alle Sprengversuche scheiterten, mussten wir mit Sack und Pack ueber die Felsen klettern, was natuerlich in typisch subkontinentales Chaos ausartete. Die Leute, die wieder ihren halben Bauernhof mitgenommen hatten, hatten einiges zu tun. Auf der anderen Seite standen unzaehlige Busse, die eigentlich noerdlich wollten, aber jetzt einfach einen Passagieraustausch mit den Bussen auf der anderen Seite aufnahmen und wieder zurueck fuhren.
Nach einer weiteren Nacht in einer keinem bekannten Millionenstadt namens Abbottabad (ein Brite hat mal schnell eine Stadt nach sich benannt), kamen wir endlich in Peshawar an.
Peshawar ist die letzte Stadt vor der afghanischen Grenze und umringt von afghanischen Fluechtlingslagern. Obwohl die Stadt nicht mehr so krass wirkt wie vor drei Jahren, ist es immer noch Welten entfernt vom kosmopolitischen Lahore oder den weltoffenen Ismaeliten: Fast keine Frauen sind auf den Strassen, und wenn dann tragen sie Burkas oder die Black-Ninja-Kluft. Wir haetten zwar kaum gedacht, dass es moeglich ist, aber hier wurden wir noch verwunderter angestarrt oder aus fahrenden Autos begruesst als sonst!
Peshawars Altstadt besteht aus unzaehligen engen Gassen, die ueberquillen vor Schlafanzug tragenden baertigen Maennern und Afghanen mit Mudschahedin-Turbaenen. Es gibt dort fast alles zu kaufen, was sich ein Pakistaner wuenschen kann, aber nach ein paar Tagen hatten wir uns sattgesehen.
Unser Hotel bestand aus einem Konglomerat von giftgruen gestrichenen fensterlosen Zellen, denen irgendein Zyniker den komplett irrefuehrenden Namen “Five Star Hotel” gegeben hat. Jedes Mal wenn wir in unsere Zelle wollten, versuchten Angestellte und Gaeste unter den abstrusesten Vorwaenden, in unser Zimmer zu kommen, um zu sehen was die mysterioesen “Angresis” dort nur trieben.
Mit dem Bus fuhren wir in die Umgebung von Peshawar, vorbei an den schier endlosen afghanischen Fluechtlingslagern, die sich im Laufe der Jahre schon zu befestigten Lehmstaedten gemausert haben. Ein grosses Schild warnte, dass ab jetzt die fuer Auslaender verbotene “Tribal Area” anfaengt: Dort gilt kein pakistanisches Recht mehr, die Polizei hat keine Befugnisse und man ist den Gesetzen der paschtunischen Stammesfuehrer ausgeliefert, die sich immer noch der Regierung verweigern. In dieser Gegend soll sich auch Osama bin Laden aufhalten, da sich dort weder die pakistanische noch die US-Armee hineintraut - obwohl die Pakistaner natuerlich beteuern, Osama sitze in einem Luxuszimmer im Keller des Pentagon und feiere dort hin und wieder mit George W. Bush die Dummheit der Leute…
Ein Taxifahrer brachte uns fuer etwas Bakschisch an den Polizeiposten vorbei, und gleich hinter der “Grenze” pakistanischer Gesetze begann der “Schmugglerbasar”: Elektronik, Autoteile und alles was sonst noch Zoll zahlen muesste, wird mit Eseln ueber den Hindukusch hierher geschleppt und verkauft. Wir waren in einem Laden, in dem sie uns stolz Heroin, Opium, Gras, Handfeuerwaffen, Kalaschnikows und relativ gut gefaelschte Dollars zeigten, hin und wieder kamen Kunden und kauften etwas (meistens Gras). Es hat sich wohl herumgesprochen, dass westliche Touristen oder Journalisten so etwas ziemlich krass finden, denn sie kamen sich recht cool vor. Am haertesten fanden sie selbst aber, dass sie auch harte Spirituosen und Heineken-Dosen hatten. Als Jetti und ich den Gin, den sie uns stolz hinstellten, nahmen und jeder ein Glas tranken, waren sie ziemlich geschockt - sie verkaufen das Zeug zwar, wuerden es aber nie trinken!
Wir hatten ja schon in Delhi eine Agentur ueber das Internet beauftragt, uns fuer teures Geld die Sache mit dem iranischen Visum zu erleichtern - das ist naemlich dank ziemlich bescheidener Diplomatie von Quadratschaedeln auf beiden Seiten des Atomstreits eine eher heikle Sache fuer Westler geworden. Erst mal mussten wir die drei Wochen Ferien abwarten, die sich das gesamte iranische Aussenministerium zu Gunsten des iranischen Neujahrs genehmigten, und dann… warteten wir immer noch. Wir warteten eine Woche planlos in Peshawar, waehrend der wir nichts weiter taten als ein Paket zu verschicken (das Salman-Rushdie-Buch musste weg, wir wollen aus dem Iran ja nicht gleich wieder rausfliegen) und eine Baeckerei taeglich fast leer zu essen (natuerlich durften wir nur die Haelfte bezahlen). Als wir dann so gelangweilt von Peshawar waren und etwas naeher am Iran weiterwarten wollten, hatte der Besitzer der Baeckerei Traenen in den Augen und wollte uns gar nicht gehen lassen, aber er war wohl eh etwas nah am Wasser gebaut…
Da Quetta ziemlich weit weg ist, dachten wir, es sei schlauer den komfortablen Zug zu nehmen, wo wir dann sogar ein Zweier-Schlafabteil fuer uns allein hatten! Erst als der Zug schon fuhr, bekamen wir allerdings mit, dass wir jetzt ueber Rawalpindi, Lahore, den ganzen Punjab, Sindh und dann erst Quetta fahren werden - fuer die der suedasiatischen Geographie nicht mehr ganz maechtigen: Wir kreisten Quetta also mit dem Zug so langsam ein, bis wir dann nach 36 Stunden ankommen wuerden. Bis auf ein extrem nerviges punjabisches Landei-Paerchen, die immer vor dem Klo auf uns warteten und kicherten wenn einer von uns raus kam (die beiden waren etwa 50 Jahre alt!), war die Fahrt mehr oder weniger angenehm, und wir hatten nochmal eine Rundreise durch das ganze Land. Die Landschaft wechselte von den fruchtbaren aber uebervoelkerten Steppen des Punjab ueber die kargere Landschaft in Sindh bis zu totaler heisser Wueste in Baluchistan. Irgendwann wurde die Wueste immer steiniger, dann bergiger, und schliesslich wurde es kuehler und wir kamen in Quetta an.
Quetta ist ziemlich allein hier in der Gegend, die naechste groessere Stadt ist Kandahar in Afghanistan. Die Leute sind ungefaehr so konservativ wie in Peshawar (Jettis Frauen-auf-der-Strasse-Index: 8 %), und aus unerfindlichen Gruenden ist jedes zweite Geschaeft in der Stadt eine Apotheke. Entweder haben die Leute hier ernsthafte medizinische Probleme, oder hier war nur wieder die typisch subkontinentale Einfallslosigkeit in Sachen Geschaeftsidee (vermischt mit ein bisschen “Insch’Allah”-Fatalismus) am Werk. Ansonsten gibt es noch viele Ledersandalenlaeden und Waffengeschaefte.
Unser ziemlich nobles Hotel (mit Spiegelmosaiken in der Lobby und gehacktem Satellitenfernsehen) laesst uns ihre leider recht siffige Kueche benuetzen, aber dummerweise ist die Auswahl an Lebensmitteln in Quetta sehr beschraenkt: Gurken. Ich weiss auch nicht warum, aber jeder in dieser Stadt verkauft Gurken, aber schon fuer Zwiebeln oder Tomaten muss man lange suchen. Nach einer Stunde Suchen fanden wir mal endlich eine Thunfischdose, aber die lief ungefaehr ab, als wir geboren wurden. Jetti sucht trotzdem immer brav und zaubert erstaunlich abwechslungsreiche Gerichte aus den immergleichen Zutaten - auch von den hunderten Kakerlaken in der Kueche laesst sie sich nicht abhalten. Der eigentliche Koch laesst sich aber so schnell nicht vertreiben und schnipselt immer die Gurken klein, und hin und wieder wuergt er sich auch westliches Essen runter, das wir ihm anbieten - er findet es zwar ohne Zweifel ziemlich eklig, wuerde das aber nie sagen.
Da auch in Baluchistan Rebellen Krieg gegen die Regierung fuehren (diesmal gehts um Erdgas - ach, um Rohstoffe, endlich mal ein Kriegsgrund den wir Westler verstehen!), duerfen wir nicht in die Umgebung fahren und muessen unser Dasein im nicht gerade spannenden Quetta fristen, wo mehrmals am Tag fuer Stunden der Strom ausfaellt, wo die Uhren der Moscheen anscheinend nicht richtig gehen und somit immer zeitversetzt und somit viel laenger “Allah’u Akbar” hinausposaunt wird, und wo die Leute uns anschauen als seien wir grad aus einem UFO ausgestiegen.
Wir verbringen die Zeit meistens in Internetcafes (wenn es mal Strom und eine Verbindung gleichzeitig geben sollte) und schreiben boese Mails an die Agentur in Teheran. Leider kriegt man in den Internetcafes am ehesten mit, wie sehr die scheinheilige Zuechtigkeit vieler Muslime die Maenner zu verzweifelten Kreaturen macht: Wir sind die einzigen, die das Internet nicht zum Anschauen von Porno-Seiten benutzen und haben nach jedem Besuch das dringende Beduerfnis, unsere Haende zu waschen… Auch auf den Strassen macht sich die extreme sexuelle Frustration bemerkbar: Die Pubertaet in Pakistan scheint 20 Jahre zu dauern, anders ist das Verhalten vieler erwachsener Maenner nicht mehr erklaerbar, wenn sie Jetti sehen - Jaulen, verlegenes Kichern, debiles unglaeubiges Starren und der meistens misslingende Versuch, auf einem Motorrad oder einem klapprigen Fahrrad cool zu wirken. Und obwohl es in diesem Kulturkreis normal ist, wenn Maenner Haendchen halten, uebertreiben das einige hier so sehr, dass man schon richtig die Ersatzhandlung erkennen kann: Baertige Maenner, die sich gegenseitig auf der Parkbank streicheln oder umarmt einschlafen wirken anfangs seltsam, aber man gewoehnt sich daran…
Vor ein paar Tagen, nachdem die Agentur also 6 Wochen Zeit fuer unser Visum hatte und wir somit schon zwei Wochen mit planlosem zermuerbendem Rumhaengen verbracht hatten, schrieb uns Hamid aus Teheran ploetzlich, dass wir das Visum zwar kriegen wuerden, aber nicht in Quetta oder sonstwo in Pakistan. Die Sadisten im iranischen Aussenministerium wollen, dass wir in ein anderes Land fliegen oder fahren, unser Visum dort holen und dann in den Iran fahren, denn die Grenzgegend zwischen Pakistan und dem Iran sei zu gefaehrlich. Vor mehreren Wochen wurde in einer abgelegenen Seitenstrasse in der Wueste dort ein Bus von Drogenschmugglern ueberfallen und ein paar Leute erschossen - was aber eigentlich jetzt nicht sooo ungewoehnlich ist hier und noch lange kein Grund, kein Visum zu geben. Vielleicht werden wir auch geaergert, weil der Westen den Iran aergert, wer weiss.
Als wir bei dem chaotischen Konsulat rausgekriegt hatten, dass an einem Tag eine Konferenz der iranischen Konsuln und ihrer Bosse aus Teheran im Quetta Serena (das einzige Nobelhotel) ist, schlichen wir eine Stunde lang da rum. In diesem korrupten Teil der Welt sind Beziehungen alles, und wir hatten gehofft, “zufaellig” einen Iraner zu treffen, dem wir dann nebenbei unser Problem schildern. Leider haben sie sich aber recht abgeschirmt und sind auch so von den Baluchis kaum zu unterscheiden…
Wir wissen jetzt jedenfalls nicht was wir tun sollen, und wir koennen uns auch nicht ueber irgendwelche Entscheidungsmoeglichkeiten informieren, weil in Karachi vor ein paar Tagen irgendjemand (die Pakistaner sagen natuerlich, es war der indische Geheimdienst) eine sunnitische Feier zu Ehren des Geburtstags von Mohammeds in die Luft gejagt hatte und ueber 50 Menschen starben. Jetzt streikt das gesamte Land seit mehreren Tagen gegen die korrupte Polizei, die die Taeter nur halbherzig fassen will, und gegen fundamentalistische Anfuehrer, die das Selbstmordattentat zum Anfachen neuer Feindschaft zwischen den Religionen oder den innerislamischen Gruppierungen nutzen will. Alles schoen und recht, aber als uns jemand erzaehlt hat, dass der Streik weitergehen soll, bis die Taeter gefasst wuerden, bekamen wir Panik: “Taeter fassen? Von der pakistanischen Polizei? Wir sitzen hier fuer immer fest!”
Tja, das ist das Dilemma. Wir wollen eigentlich auf jeden Fall in den Iran, denn erstens kann es sein dass Herr Bush dieses Land bald von der Landkarte bombt und sie mit Isfahan und Persepolis bestimmt genauso sanft umgehen wie vor ein paar Jahren mit Babylon und dem irakischen Nationalmuseum, und zweitens liegt der Iran geographisch so, dass wir unseren Plan vom Ueberlandtrip nach Deutschland aufgeben muessten, wenn wir nicht hinfahren. Andererseits: Wenn die Iraner uns wirklich fuer boese imperialistische Agenten halten, gibt es natuerlich noch viele Laender, die es schaetzen wenn wir unser Geld in ihrem Land lassen…
Aber irgendwie muss das schon gehen, in den Iran zu kommen: Die ganzen Agenten vom Mossad und dem CIA habens doch auch geschafft!
Naja, wir werden sehen. Bis hier wieder was laeuft, werden wir die Einwohner von Quetta weiter mit unserem mysterioes langen Aufenthalt hier verunsichern - bei ihrem Wahn fuer Verschwoerungstheorien gibt es bestimmt schon die verruecktesten Geschichten ueber uns, wir haben uns schon ueberlegt, gezielt “aus Versehen” Blaetter mit gezeichneten Angriffsplaenen auf Teheran fallen zu lassen, um die Theorien noch etwas anzuheizen… nein, nicht wirklich…
Also, viele Gruesse aus dem Wuestenkaff Quetta und seid gespannt von wo wir uns das naechste Mal melden!