Wir sind wieder hier, in unserm Revier…

Geschrieben von Andreas am Dienstag den 20. Juni 2006

Stadtbergen, Deutschland

Servus, gruezi und baba!

Ja, wir sind wieder unter weissblauem Himmel! Wir haben ja erwartet, dass er eher weiss als blau ist, aber in dem einen Jahr hat sich anscheinend nicht nur das Wetter in Deutschland verändert. Plötzlich schwappt das Land über vor Patrioten, und keiner meckert mehr, stattdessen ist jeder Tag eine Party - da macht es so richtig Spass, heimzukommen!

Die letzte Woche haben wir ja in der Ukraine verbracht,, wo wir dank der orangenen Revolution kein Visum mehr brauchten, aber trotzdem drei Stunden an der Grenzkontrolle des Hafens von Odessa in einem muffigen Raum schwitzen mussten. Aber irgendwann durften wir endlich den Boden dieses letzten westlichen zerfransten Ausläufers des eurasischen Kontinents betreten, den man gemeinhin Europa nennt. Odessa ist auch gleich eine schöne Einführung in den alten kontinent, mit vielen Theatern, Jugendstilhäusern und etwas abgewohnten Villen. Hier hat uns gar niemand mehr als Ausländer erkannt, weil die ukrainer fast haargenau den gleichen Kleidungsstil wie die Mitteleuropäer haben, und deswegen haben wir auch gemerkt wie kommunikativ die Ukrainer anscheinend sind: Etwa alle zehn Minuten frägt einen irgendjemand was - auf russisch, dummerweise.

Schon die Beatles sangen ja “the Ukraine girls really knock me out, they leave the West behind”, und es ist wirklich unglaublich wie viele potentielle Models auf den Strassen flanieren. Ständig hört man das “Klack, klack” von hohen Absätzen, gefolgt von einem Ultra-Minirock. Währenddessen fielen unsere Klamotten immer weiter auseinander: Jettis Rock löste sich einfach auf, ihre Schuhe fielen auseinander und die Jeans bekam Löcher, es wurde Zeit dass wir wieder zugriff auf unsere Kleiderschränke bekommen.

Zuerst ging es allerdings mit dem Nachtzug auf die Halbinsel Krim. In Sevastopol kamen wir in einer, aehem, landestypischen Plattenbausiedlung bei einer netten alten Dame unter, die zwar nur russisch konnte, aber ein sehr nettes Zimmer vermietete. Sevastopol war früher der Heimathafen der zaristischen und später sowjetischen Schwarzmeerflotte, und deshalb dreht sich alles nur um Schiffe. Die Stadt quillt über vor Monumenten für Seeschlachten und Admiräle, jedes zweite der vielen klassizistischen weissgetünchten Gebäude hat irgendwo einen Anker hängen, und in der fjordartigen Bucht ankerten alle möglichen Schiffe. Leider hatte unser Lonely Planet keine Karte der Stadt, und weil Sevastopol sich auf lauter kleine fingerartige Ausläufer hinzieht, hatten wir eigentlich nie Orientierung. Trotzdem fanden wir ein nettes Lokal mit riesigem Flachbildschirm, auf dem wir das WM-Eröffnungsspiel anschauen konnten. Die Ukrainer haben einfach für beide Mannschaften gejubelt, da kann man nichts falsch machen.

Die Krim war der Schauplatz von so einigen großen Kriegen, unter anderem auch dem 2. WK, in dem 150.000 deutsche Soldaten auf der Krim starben. Einer von ihnen war Johann Keller, mein Uropa. Er starb in einem Kriegsgefangenenlager und galt eigentlich als verschollen, weshalb wir auch nicht viel erwarteten, als wir zum zentralen deutschen Soldatenfriedhof 20 km ausserhalb von Sevastopol fuhren. Dort fanden wir aber raus, dass sie ihn gefunden und dort bestattet hatten! Hätten sie ja auch mal jemandem schreiben können, wenn sie sich schon die Arbeit machen… Wir legten im Namen der ganzen Keller-Familie Blumen nieder. Obwohl er früh gestorben ist, hat er ja bald 14 Nachkommen!

Nach Jalta fuhren wir auch in einem Tagesausflug, und der Ort ist ungefähr das ukrainische Nizza: Noble Einkaufsläden, eine elegante Promenade, Luxushotels und viele teure Restaurants und Bars. uns wars zum Baden zu kalt, aber die vielen Russen sprangen trotzdem ins Schwarze Meer.

Dann fuhren wir auch schon zum letzten Stop der Reise: Lviv (Lemberg) in der Westukraine, kurz vor Polen. Die Fahrt dauerte dreissig Stunden, und im Nachbarabteil hatte jemand einen Bär dabei, der immer an der Wand kratzte und den unfreundlichen Schaffner anfallen wollte (obwohl ich da auch schon kurz davor war). Ihr seid ja daheim an Bärenangriffe gewöhnt, aber für uns wars schon seltsam…

In unserem Abteil waren zwei freundliche Frauen, die - obwohl die offizielle Sprache ja Ukrainisch ist - immer nur russisch sprachen. Die orangene Revolution fanden sie blöd und erklärten uns, dass schon damals grad mal die Hälfte des Landes sie wollte, und jetzt ist die Euphorie komplett abgeklungen. Die Ukraine ist scharf geteilt zwischen dem pro-russischen Süden und dem pro-EU Westen. Lviv war ganz im Westen und sah auch aus wie Wien, irgendwie. Überall in der Stadt wurden schöne aber verrusste Fassaden neu gestrichen, Kopfsteinpflaster ausgewechselt und an vielen plätzen hatte die Stadt ein Flair, auf das Prag neidisch wäre. Gebt Lviv noch zwei Jahre zum Rausputzen, und es wird nach Prag und Riga der nächste Touristenrenner. Tausendmal schöner als jede deutsche Großstadt ist sie jetzt schon.

In Lviv wurden wir etwas traurig, denn obwohl wir uns natürlich sehr aufs Heimkommen freuten, wussten wir auch dass damit ein Jahr zu Ende geht, bei dem unser Alltag aus Abenteuern, neuen Bekanntschaften und Entdeckungen bestand. Wir nahmen einen ukrainischen Direktbus und fuhren los, als die Ukraine spielte. Ein Mann ging durch den Bus und sammelte von jedem etwas Bestechungsgeld ein, damit die ukrainischen Grenzer nicht den Bus auseinandernehmen. Trotzdem warteten wir stundenlang an der Grenze und kamen in Polen an, als grad das Spiel Deutschland-Polen startete. Wie das ausging erfuhren wir allerdings erst von dem deutschen Grenzbeamten in Görlitz. An der Grenze führten sich die Deutschen gegenüber den Ukrainern ziemlich arrogant auf, aber das interessierte die gar nicht, sie zogen einfach ihre T-Shirts aus und leerten mehrere Wodkaflaschen zum Frühstück. Als wir die Grenze überquerten, trauten wir unseren Augen kaum: Überall deutsche Flaggen und schwarz-rot-goldene Hüte! Zuerst dachten wir noch “Naja, wir sind ja in Ostsachsen, da wohnen die Nazis”, aber das änderte sich auch in Nürnberg nicht. Die Verkäufer waren nett zu uns und die Schlagzeilen der Zeitungen hatten nur positive Nachrichten - das war nicht das Land, aus dem wir weggefahren sind!

Jetti stieg in München aus, wo sie von ihrer Familie abgeholt wurde (natürlich auch mit Flagge), ich fuhr noch weiter bis nach Augsburg.

Jetzt sind wir wieder daheim, nach einem Jahr und zwei Tagen in 20 Ländern. Bei der Fahrt vom Augsburger HBF nach Tokio und zurück haben wir wohl mehr gelernt als während unserer ganzen Unikarriere, uns wurde rein gar nichts geklaut, wir wurden nicht wirklich krank und haben die unterschiedlichsten Leute kennengelernt - von russischen Prostituierten über Hardcore-Muslime in Quetta und Kaiser Franz bis zu buddhistischen Mönchen und afghanischen Drogenschmugglern. Wir waren in Wüsten, der Taiga, Dschungeln und Hochgebirge und fuhren mit Fahrradrikschas, Ladas, Pferdekutschen, Mopeds, Zügen, Bussen und Schiffen.

Das wars, jetzt hoffen wir euch alle so schnell wie möglich wieder zu treffen, viele Grüße,

Andreas und Jetti

Die Grenze Europas

Geschrieben von Andreas am Dienstag den 6. Juni 2006

Odessa, Ukraine

ЗДРАВСТВУЙТЕ!

Da jedes der drei kaukasischen Laender totbeleidigt waere, wenn ich euch nicht in der Landessprache begruesse, habe ich das mal in der Sprache der alten Kolonisatoren und spaeteren sozialistischen Brueder getan, denn russisch spricht eh jeder hier.

Die Russen / Sowjets haben den suedlichen Kaukasus so gruendlich beeinflusst, dass er oft klischeehafter wirkt als das Mutterland selbst. Als wir nach einer Nacht im Bus von Teheran an der Grenze zu Aserbaidschan abgesetzt wurden, konnten wir bei den aserbaidschanischen Grenzern und den Taxifahrern unseren Augen kaum glauben: Alles dicke Maenner in Kugelform mit Sonnenbrillen, blitzenden Goldzaehnen und Dauerkippe im Mund, die jede Castingagentur fuer die Rolle des Mafiosi ablehnen wuerde, weil sie einfach zu stereotypisch aussehen! Aber das war nicht der einzige Unterschied: Schon auf dem Weg zur Grenze wurde die Landschaft immer gruener, bis sanfte waldige Huegel endgueltig die iranische Wueste abgeloest hatten. Gleich nach der Grenze - wo Jetti sich noch auf der Grenzbruecke das Kopftuch runterriss - gab es auch wieder Plattenbauten, Bierlaeden, Schaschlikstaende und Schlagloecher. Man kann sich streiten, ob wir jetzt in Europa angekommen waren, denn der Kaukasus wird als Grenze Europas bezeichnet, aber ob er jetzt dazu gehoert oder nicht, das weiss keiner so richtig, am wenigsten die Kaukasier.

Jedenfalls war der Mentalitaetsumschwung vom ueberfreundlichen und auslaenderbegeisterten Iran zum “Machismo”-verpesteten und, aehem, auslaenderskeptischen laendlichen Aserbaidschan doch sehr extrem. Wir hatten einen “dubiosen” (Jetti) Taxifahrer, der uns zu einem Bus Richtung Baku brachte, in dem wir von allen die ersten Stunden lang ueberaus misstrauisch angeschaut wurden, wir hoerten auch wie immer alle verschwoererisch ueber uns redeten. Es war ein seltsames Gefuehl, aber die Leute in Aserbaidschan koennen mit dem Konzept Tourismus einfach ueberhaupt nichts anfangen, und warum jemand freiwillig in ihr Land fahren will, wo doch alle Einwohner gern nach Deutschland gehen wuerden, ist ihnen einfach ein Raetsel. Noch dazu haben wir immer das persische Wort fuer Deutschland, “Almania”, benutzt, und das hoert sich halt verdaechtig nach Aserbaidschans Erzfeind Armenien an. Die Grenzer haben mehrmals indirekt gefragt ob wir nach Armenien fahren wollen und alle waren kurz entsetzt, wenn sie sich verhoert hatten und statt Almania Armenia verstanden hatten. Wir gewoehnten uns schnell an, Germania zu sagen…

Baku, die Hauptstadt Aserbaidschans, ist das absolute Zentrum des Landes, wo sich das Geld und die Macht konzentriert. Ueber den schoenen klassischen Gebaeuden haengt ein konstanter Oelgestank von den Oelfeldern in den Vororten. Gleich als wir ankamen riefen wir Klaus an, einen weiteren deutschen Diplomaten und Kollegen von Ricki. Wir wollten uns ja eigentlich nur mit ihm auf ein Bier treffen, da er am Tag darauf nach Deutschland fuhr, aber krasserweise bot er uns seine (wirklich riesige) Wohnung an. Waehrend er also nach Deutschland flog, erholten wir uns fuer fuenf Tage in seinem luxurioesen 200-Quadratmeter -Apartment mit Rundumblick ueber Baku, und unser leichtes Heimweh war sofort verflogen, denn eigentlich war es dort ja noch viel cooler als daheim. Nach ein paar Tagen merkten wir dass das deutsche Fernsehen immer noch nicht besser geworden ist, aber trotzdem verbrachten wir viel mehr Zeit drinnen als draussen. Deshalb konnten wir Klaus dann auch nicht soviel erzaehlen, als er wieder zurueckkam, dafuer erzaehlte er uns von seinen Erfahrungen mit Aserbaidschan, und alles in allem hoerte es sich nach einem der krasseren Ex-Sowjetstaaten an. Dass in Aserbaidschan eher Stagnation herrscht, merkt man auch als Tourist: Das Land wird vom Sohn eines vor einigen Jahren verstorbenen Praesidenten beherrscht, nach dem wirklich jede groessere Strasse, jedes Fussballstadion und jede kleine Halle bezeichnet ist, wir haben Heydar-Eliyev-Betonwerke, Heydar-Eliyev-Schulen und Heydar-Eliyev-Oelfelder gesehen. Sein Gesicht prangt an jeder Strassenecke, und statt Warnungen vor moeglichen Verkehrshindernissen sind die Autobahnen gespickt mit seinen wahrscheinlich genialen Ausspruechen. Wir waren jetzt ja schon in so einigen mehr oder weniger krassen Diktaturen, aber in keinem Land wurde die (toter-) Herrscherverehrung so primitiv gemacht wie in Aserbaidschan.

Verrueckterweise ist Aserbaidschan ja eigentlich auch ein muslimisches Land, aber das merkt man eigentlich ueberhaupt nicht. Keine Kopftuecher, ganz selten Muezzingesaenge, und ueberall Bierlaeden. Vielleicht sind wir aber auch nach Quetta einfach nur zu abgestumpft…

Netterweise lieh Klaus uns auch noch sein Auto, und so konnten wir zusammen mit Sonja, einer Oesterreicherin die in Baku deutsch unterrichtet und die wir einige Tage vorher kennengelernt hatten, eine Rundfahrt ueber die Abscheron-Halbinsel am Kaspischen Meer machen. Die Abscheron-Halbinsel, auf der auch Baku liegt, ist ziemlich einmalig in Sachen “geologischer Flatulenz”, hier blubbert und sickert so ziemlich alles aus dem Boden. Wir kamen an einen Ort, wo seit Ewigkeiten einfach der Berg brennt, weil ein unteriridisches Gasfeld Feuer gefangen hat, ueberall sind Oelfelder und der dazugehoerige Gestank (und auch die Umweltverschmutzung), und bei einem Gebiet blubberten Schlammvulkane munter vor sich hin. Als ich mir einen naeher anschauen wollte, brach ploetzlich der eigentlich harte Boden unter mir weg und ich versank sofort im (zum Glueck kalten) Schlamm! Das Krasse war, dass ich, obwohl ich bis ueber die Hose drinsteckte, keinen Boden spuerte - haette ich mich nicht am Rand festgehalten, waere ich wohl ganz da drin versunken! Naja, das ist wieder so eine Sache, die jedem passieren koennte, aber seltsamerweise passieren sie immer mir…

Durch die Sonne wurde meine Hose schnell steinhart und schwer wie ein Betonklotz, also musste ich barfuss und in Unterhose zurueck nach Baku fahren, wo ich mir ein paar Klamotten (inklusive Flip-Flops mit Glitzerpailetten) von Sonja leihen konnte. Dann fuhren wir weiter zu einem alten zoroastrischen Feuertempel, wo eigentlich seit Jahrtausenden Feuer aus dem Boden kommt, aber seit den Oelbohrungen kuenstlich erzeugt werden muss.

Nach einer Woche verabschiedeten wir uns von Klaus, Sonja und Aserbaidschan und stiegen in den Zug nach Tiflis, der Hauptstadt von Georgien. Der Zug war einer dieser typischen sowjetischen Schlafwaggons, unserer Meinung nach eines der angenehmsten nichtfliegenden Verkehrsmittel. In unserem Abteil sassen drei dicke muskuloese Maenner (d.h. der Bauch war hart und nicht schwabbelig…) mit Sonnenbrillen, die ziemlich schnell ihren Wodka auspackten und uns mit ihren umfangreichen Deutschkenntnissen beeindruckten (”Halt! Stehenbleiben!”, “Achtung! Russische Partisanen erschiessen!”). Da die Kaukasier ja wie gesagt immer ihre Stereotypen uebertreffen wollen, packten sie irgendwann ihre (geladenen) Revolver aus und sangen italienische Bierzeltsongs. Anscheinend war die Ticketverkaeuferin im Bahnhof besorgt um unsere Sicherheit und hat uns deshalb mit den Security-Leuten in ein Abteil gesetzt, aber ob bewaffnete besoffene Machos unsere Sicherheit so massgeblich erhoeht haben, weiss ich auch nicht… Irgendwann war der dicke “Boss” (so bezeichnet sich jeder Mann im Kaukasus gerne) so betrunken dass er sich nach oben aufs Stockbett schleppte und sofort ins Koma fiel, wir anderen tranken mehr oder weniger freiwillig munter weiter, bis der Boss ploetzlich mit Karacho von oben auf uns alle drauffiel. Mit seinem Kopf hat er die ganzen Wodkaglaeser zerschlagen, aber anscheinend hat ihn das nicht weiter gestoert, weil er sich nur kurz im Klo uebergab und dann sofort weiterschlief. Er hat dann so laut (Jetti: “wie ein Wildschwein”) geschnarcht, dass wir trotz Ohropax nicht einschlafen konnten.

Dementsprechend fertig kamen wir in Tiflis an und quartierten uns in einem abgenutzten Billighotel direkt im Busbahnhof ein, das voll mit suedossetischen Fluechtlingen war, die dort schon seit z.T. 15 Jahren lebten - doch ein leichter Rueckschritt, verglichen mit dem Apartment in Baku!

Tiflis ist die mit Abstand schoenste Stadt im Kaukasus und hat mehr Flair als viele europaeische Staedte (oder ist es auch eine europaeische Stadt?): Die Stadt schlaengelt sich zwischen dem Fluss und den umgebenden saftig gruenen Huegeln entlang, und da die Wehrmacht auf ihrem Weg nach Baku zum Glueck schon in Stalingrad aufgehalten wurde, sind sehr viele alte Gebaeude erhalten, die jetzt grad alle frisch gestrichen werden. Die hoechsten Gebaeude sind immer noch die Kirchen hier, und davon haben sie echt einige. An unserem ersten Tag wurde die Idylle allerdings etwas gestoert, denn zehntausende (wirklich!) Soldaten marschierten im Gleichschritt durch die Strassen und zogen eine dicke Schweisswolke hinter sich her, waehrend sie seltsamerweise immer “Jetti, Jetti!” wie einen Schlachtruf riefen, dann flogen alte russische Abfangjaeger im Tiefflug ueber die Stadt, gefolgt von Dutzenden von Kampfhubschraubern. Aus der Ferne hoerten wir Artilleriefeuer, und wir dachten echt schon dass wir grad live bei einem Putsch zuschauten, bis wir rausfanden dass die Georgier nur fuer ihren Nationalfeiertag uebten. Der war dann auch ein paar Tage spaeter, und anstatt Musik oder Freibier oder sowas marschierten stundenlang nur endlose Reihen von Soldaten vorbei, dann kamen wahrscheinlich alle Panzer der glorreichen georgischen Armee, und Flugzeuge spruehten die Nationalfarben in den Himmel. Praesident Saakaschwili stand stundenlang militaerisch gruessend in der Hitze auf der Tribuene, aber wir hatten kein Mitleid mit ihm, denn er hatte den ganzen bestimmt irrsinnig teuren Schwachsinn ja wohl angeordnet. Ein orthodoxer Priester, neben dessen Kirche wir uns das Spektakel anschauten, schuettelte auch nur den Kopf und meinte, sowas gab es in Georgien noch nie - was wirklich was heissen will, denn das war ja auch mal Sowjetunion… Nichtsdestotrotz wird sofort klar, wo die neue Regierung hinwill, und auch wie sie die Frage entschieden hat, auf welcher Seite der Grenze Europas Georgien denn nun liegt: An jedem Regierungsgebaeude haengen EU-Flaggen, es gibt einen riesigen “Europe Square” im Zentrum, und wenn man es nicht besser wuesste, koennte man glauben Georgien sei schon laengst Mitglied!

Tiflis ist benannt nach warmen Schwefelquellen in der Altstadt, ueber die jetzt Baeder gebaut sind, also sind wir da auch rein. Ein alter Mann fauchte sofort jeden an, der es wagte eine Badehose anzuziehen, und dann durfte man sich duschen mit Wasser, das ziemlich stark nach Durchfall roch. Was an schwefligem Wasser so toll sein soll, ist uns immer noch ein Raetsel…

Wie in jedem Land des Kaukasus ist es auch in Georgien so, dass die Hauptstadt und der Rest des Landes zwei Welten sind: Die Hauptstadt ist renoviert, der Strom kommt mehr oder weniger regelmaessig und die Leute wirken recht modern. Auf dem Land dagegen sieht man auseinanderfallende Ladas, die sich aus unerklaerlichen Gruenden immer noch auf der Strasse halten koennen, kleine zerfallene Doerfer mit Wellblechdaechern und alten Kartoffeln schaelenden Frauen, und Plattenbauten die in den oberen Stockwerken schon zusammengefallen sind und unten noch bewohnt werden. Kein Wunder, dass alle drei Laender einen ziemlichen Einwohnerschwund hatten. Einer der vielen, der woanders richtig gross geworden ist, war Josef Dschugaschwili aus dem kleinen Ort Gori. Sein kleines fertiges Geburtshaus ist heute mit einem tempelaehnlichen Pavillon ueberdacht, denn unter dem Namen Josef Stalin wurde er weltberuehmt (oder beruechtigt) und ist bei vielen Georgiern immer noch ueberaus beliebt, obwohl er auch in seinem Heimatland morden und vertreiben liess - wahrscheinlich liegt das daran, dass es ausser ihm keine wirklich bekannten Georgier gibt… In Gori steht eine riesige Stalinstatue vor der Stalin Avenue, zwei Dinge die man heute auf der Welt nicht mehr allzuoft zu sehen bekommt. Gleich hinter dem kleinen Geburtshaus steht das monstroese Stalinmuseum, wo man noch eine richtig kommunistische Fuehrung bekommt: Wir wurden an unzaehligen Bildern von “famous georgian revolutionaries” vorbeigefuehrt, und die Fuehrerin meinte dass bei der Landwirtschaftsreform in den 30ern “einige Fehler gemacht wurden” - die einzige Kritik auf der ganzen Fuehrung. Dafuer wissen wir jetzt, dass Stalin gerne tanzte und nie geflogen ist, und eigentlich ja ein ganz witziger Kerl war der sogar Gedichte geschrieben hat.

Maenner, die im Kaukasus etwas auf sich halten (und wer tut das hier nicht?), brauchen neben einem dicken Bauch (und in Aserbaidschan Goldzaehnen) vor allem ein deutsches Gebrauchtauto, das moeglichst dick und protzig aussieht. Hier fahren mehr alte Mercedes rum als in Deutschland, und seltsamerweise lieben die Leute Opel Vectra (ich haette nicht erwartet, sowas noch zu erleben!). Einer der wenigen Jobs mit Zukunft ist es, moeglichst billig nach Deutschland zu kommen, einen Gebrauchtwagen zu kaufen und im Kaukasus wieder zu verscheppern, und das machen so viele Leute dass hier eigenlich ausschliesslich deutsche Waegen rumfahren…

Mit der Marschrutka (ein Minibus) fuhren wir ueber die wohl laendlichste Grenze der ganzen Reise nach Armenien. In Eriwan, der Hauptstadt, kamen wir direkt neben der Oper bei einer alten Frau unter, die ein Zimmer vermietete. Lonely Planet sagt ja: “Throw a stone in the air in Yerevan and it will hit a cafe” und das ist wirklich das erste, was auffaellt: Die ganze Stadt scheint aus Cafes (tut mir leid, keine Accents mit dieser Tastatur) zu bestehen, und alle Einwohner scheinen nicht viel mehr zu tun zu haben als dort herumzusitzen und Kaffee zu trinken. Wie immer im Kaukasus haben sie uns auch hier erzaehlt: “The people have a lot of time here…” Die Stadt an sich wirkt nett, hat aber nichts wirklich aussergewoehnliches. Trotzdem wirkt sie viel angenehmer als viele Staedte in Russland, die eigentlich nichts besonderes haben - es scheint so, als haetten die Sowjets ihre Aussenbezirke oft grosszuegiger behandelt als Staedte im Herzen Russlands! Was aber wirklich beeindruckend ist, ist der ueber 5000 m hohe Ararat, der sich ja eigentlich in der etwa 20 km entfernten Tuerkei befindet, aber die ganze Stadt ueberragt. Hier ist ja Noah mit seiner Arche haengen geblieben, nachdem die Drachen und Einhoerner ueber Bord gefallen waren. Noch christlicher gehts in den kleinen Orten um Eriwan zu, wo es Kloester und Kirchen gibt, wohin man auch schaut - aber Armenien ist ja auch das erste christliche Land der Welt. Wir trafen zwei Armenierinnen, die eigentlich in Isfahan (Iran) lebten und immer meinten, es sei ja so schwer im Iran und die Moslems seien so doof - aber wenn man sie fragt, warum sie dann nicht einfach dauerhaft nach Armenien ziehen, gucken sie einen nur an als sei das der schwachsinnigste Vorschlag den sie seit langem gehoert haben. Armenien hat nur 3,5 Millionen Einwohner, aber mehr als 10,5 Millionen Armenier leben ueber die ganze Welt zerstreut. Zum Grossteil kommt das vom tuerkischen Genozid, aber trotzdem sieht es nicht so aus, als wolle irgendjemand zurueckkommen. Alles was in Eriwan schoen und neu aussieht wurde von Diaspora-Armeniern gesponsert, aber im Land selbst geht - aehnlich wie in Aserbaidschan - nicht allzuviel voran. Natuerlich hats Armenien auch schwer: Links der Erzfeind Tuerkei, rechts der Erzfeind Aserbaidschan. Es gibt nur eine kleine Grenze zum Iran und ein paar Landstrassen nach Georgien, und als wir wieder zurueck nach Tiflis fuhren sahen wir nicht sehr viele Lastwaegen - und immerhin muesste das ja eine der Lebensadern des Landes sein!

Von Tiflis stiegen wir gleich um in den Nachtzug nach Batumi am Schwarzen Meer, wo wir fruehmorgens ankamen und ein paar Stunden blieben. Batumi ist ein sehr schoener aber seltsamer Ort, die Leute laufen mit Handtuch und Schweissband an der Promenade entlang als haetten sie gerade gejoggt, tragen aber Flip-Flops oder Stoeckelschuhe. Ueberall kommt tuerkische Musik, denn die Grenze ist nur wenige Kilometer entfernt. Wir waeren gerne laenger geblieben, mussten aber die Faehre in die Ukraine erwischen und fuhren deshalb weiter in das nichtssagende Kaff Poti. Dort hatten wir wieder mit typischer sowjetischer Buerokratie beim Kartenkauf zu kaempfen und der typischen Reaktion in Kleinstaedten auf seltsame Auslaender, die nicht mal richtig russisch koennen - erstmal auslachen, dann zur Seite schieben. Wir nahmen uns wieder mal ein Zimmer in einem zum Fluechtlingslager umgebauten Hotel, nur dass die Fluechtlinge diesmal aus Abkhasien kamen. Jetti freundete sich gleich mit einer Familie an, die schon seit fuenfzehn Jahren in einem der Zimmer lebt und die ganze Zeit absolut nichts getan hatten. Am naechsten Morgen waren wir um 10 Uhr am Buero der Schifffahrtsgesellschaft, wie man uns befohlen hatte, und dort mussten wir zusammen mit 30-40 anderen sechs Stunden in der Hitze warten, bis wir die zwei Kilometer zum Schiff gebracht wurden. Das sind immer die Momente, wo man diese Leute, die in der Sowjetunion aufgewachsen sind, einfach nur schlagen moechte, so aggressiv kann das machen wenn alle es einfach klaglos hinnehmen, wenn sie rumgescheucht oder stehengelassen werden von irgendjemanden, der etwas entfernt an eine Uniform erinnerndes anhat. Wir wurden nur verdutzt angeschaut, als wir uns staendig beschwerten…

Die Faehre dagegen war echt ein Traum! Die “Greifswald” ist frueher mal auf der Ostsee rumgeschippert und wirkte immer noch recht neu. Wir hatten unser eigenes Zimmer mit Bad und drei Mal am Tag gab es kostenlos Essen, eigentlich alles wie bei einer Kreuzfahrt! Wir waren so begeistert dass wir gar nicht mehr rauswollten, aber nach zwei Tagen kam die Faehre hier in Odessa an.

Wir sind so begeistert von Odessa, dass wir noch etwas laenger hier bleiben wollen, dann fahren wir kurz auf die Krim und dann wahrscheinlich ueber die Slowakei zurueck nach Deutschland. Es sind also nur noch ungefaehr zehn Tage, bis wir nach einem Jahr Reisen durch 21 Laender endlich wieder in weissblauen Gefilden sind! Wir freuen uns echt schon darauf, fruehstuecken gehen zu koennen, ohne vorher 20 fremde Gesichter gesehen zu haben, und vor allem darauf, KEINE oeffentlichen Verkehrsmittel mehr zu benutzen! Und natuerlich freuen wir uns auch, euch alle wiederzusehen! (Und bitte, spart euch Fragen wie “Und wo wars jetzt am schoensten?”).

Also, einen letzten Gruss aus der Ferne, diesmal aus Odessa, und bis bald in Deutschland,

Andreas und Jetti

Auf der Achse des Boesen…

Geschrieben von Andreas am Samstag den 20. Mai 2006

Teheran, Iran

Im Namen des allmaechtigen und barmherzigen Gottes

Nein, die Iraner haben uns nicht missioniert, aber da im Iran oft Zeitungsartikel, Museumsbeschreibungen usw so anfangen, hab ichs mal auch gemacht.

Beim letzten Bericht sassen wir am Ende ja planlos und frustriert in dem staubigen Wuestenkaff Quetta in Pakistan rum, und das sollte danach auch noch eine Weile so bleiben. So langsam ging die Gurkenzeit zu Ende und die Aepfelzeit fing an, und wir haetten nichts mehr gegen einen amerikanischen Raketenangriff auf das iranische Aussenministerium gehabt. Nachdem wir uns gruendlich ueber eine Fahrt durch Afghanistan informiert hatten und schon so gut wie fertig waren, kam kurz vor unserer geplanten Abfahrt nach Kabul eine Mail von Hamid (”goddamn motherfucker”, wie ein Belgier ihn treffend beschrieben hat) von der iranischen Visa-Agentur: Die Sicherheitslage in der Grenzregion habe sich verbessert, er koenne es - natuerlich gegen mehr Geld - nochmal probieren. Also blieben wir in Quetta. Jetti war traurig weil der untypisch arbeitswillige Koch im Hotel ging und durch eine billigere apathische Lusche ersetzt wurde, der sich noch weniger fuer die Kakerlakenhorden interessierte. Irgendwann mal stand morgens ploetzlich ein Typ, ein Quettaner, im Hotel, den wir nur mal kurz auf der Strasse gegruesst hatten, und schenkte Jetti eine Uhr, fuer “Mr Andi” gabs einen waschechten Shalwar Kameez (die pakistanische Einheitskluft), den ich allerdings nie anzog, aus Angst mich sonst zu sehr an Quetta zu assimilieren…

Wir wollen euch nicht mit den Einzelheiten langweilen, jedenfalls hatten wir nach vielen internationalen Telefonanrufen, Einschleimen beim Konsul und 10 weiteren langweiligen Tagen Warten endlich unser Visum fuer die Islamische Republik Iran im Pass pappen, dafuer mussten wir nur einen Bluttest abgeben und unterschreiben, uns an islamische Werte zu halten - die Iraner wollen wohl, dass wir weder schmutzige westliche Werte noch ansteckende westliche Krankheiten ins Land bringen. Noch am selben Tag packten wir unsere Rucksaecke, was die Hotelmitarbeiter ziemlich traurig machte, sie hatten sich schon so an uns gewoehnt (Wir haben uebrigens bei vier der neun Mitarbeiter nie rausbekommen, was eigentlich ihr Job im Hotel war, wenn man Nasebohren und Klingeltoene anhoeren nicht zaehlen laesst…)

Auf der recht ruppigen Fahrt durch das angeblich so unglaublich gefaehrliche Grenzgebiet lernten wir Satoru, einen Japaner kennen. Morgens kamen wir in Taftan an, dem pakistanischen Grenzort, der mal so richtig weit weg von allem liegt, was man auch an den schraegen Einwohner gemerkt hat. Mitten in der Wueste waren ein paar Betongebaeude, die durch einen Zaun getrennt waren: Auf das eine hat jemand gross Mohammed Ali Jinnah gemalt (den “Vater” von Pakistan), auf dem anderen waren die Ayatollahs Khomeini und Khamenei (der erste hatte den Bildern nach charismatische Augenbrauen, der zweite eine daemliche Brille). Die Pakistaner liessen uns gleich durch, und obwohl wir bei den Iranern eine intensive Rucksackkontrolle erwarteten, interessierten sie sich ueberhaupt nicht fuer unser Zeug. In dem Gebaeude hingen lauter tolle Sprueche ueber die Gastfreundschaft des Islam und dass eine islamische Regierung einem Reisenden, dem im Land die Sachen geklaut werden oder sonstwie abhanden kommen, adaequat ersetzen sollte, damit er keinen Schaden hat. Waer interessant, das mal auszuprobieren…

Als wir endlich offiziell den Iran betraten, hatten wir wieder die uebliche “kaffiger Grenzort”-Situation: Hyaenenartige Taxifahrer, schmierige Geldwechsler und Sandstuerme. Wir haben alles versucht (fuhren z.B. kurz in einem Lastwagen mit, der uns in die naechstgroessere Stadft bringen wollte), aber die iranischen Soldaten wollten unbedingt dass wir im Taxi fahren. Auslaender muessen dort naemlich von einer Eskorte beschuetzt werden, was dann ein Pick-Up mit zwei pickligen jungen Soldatern war, die irgendwie zu klein fuer ihre Kalaschnikows waren. Der Taxifahrer ist eh immer so schnell gefahren, dass wir sie bald nicht mehr sahen. Diesen ganzen Aufwand machen die Iraner, weil ueber diese fast unbewohnte Wuestengegend etwa 85 Prozent (!) der opiumbasierten Drogen (v.a. Heroin) nach Europa gelangen. Die Gegend ist stark militarisiert und mit Zaeunen umgeben, aber einfach zu riesig um sie abzuschirmen. Und es heisst, dass die Schmuggler Kamele trainieren, die dann mit Kilos voll Heroin im Magen “herrenlos” von Afghanistan in den Iran spazieren - was fuer ein Unterschied zu Pakistan, wo das Marihuana wild neben Autobahnen wuchert und Busfahrer beim Fahren an Joints ziehen…

Als wir in einem wirklich unangenehmen Sandsturm im Taxi auf die naechste Eskorte warteten, kamen wir zum ersten Mal wirklich mit einem Iraner ins Gespraech, einem Soldaten, der als erstes sagte, dass er Ahmadinedschad scheisse findet.

Nach Umsteigen in einen Bus im Schmugglerort Zahedan kamen wir abends erschoepft in Bam an. Nach dem massiven Erdbeben vor drei Jahren, bei dem ein Drittel der Bevoelkerung starb, war die Stadt fast komplett zerstoert. Als wir kamen, glich alles einer einzigen riesigen Baustelle, ueberall waren Gerueste, Stahltraeger und Betonmischer. Fuer einen ersten Eindruck vom Iran war Bam also nicht so gut geeignet, aber es fiel trotzdem schon auf, dass selbst eine komplett zerstoerte iranische Stadt noch wohlhabender und reicher aussieht als eine pakistanische Stadt wie Quetta (okay, ich sollte mal aufhoeren auf Quetta rumzuhacken, die Leute dort haben es eh schon schlimm genug!). Wir muessen ja peinlicherweise zugeben, dass wir beide damals bei den Fernsehbildern ueber das Erdbeben dachten, dass diese eingefallenen Lehmhaeuser halt die Stadt Bam waren - aber das ist ungefaehr so daneben, als wuerde man das Kolosseum in Rom als ganz normales italienisches Gebaeude sehen. Vielleicht hatte ich da eine Wissensluecke, aber ich wusste vorher nicht dass der Iran ungefaehr so moderne Staedte wie in Europa hat, dass fast jeder ein mehr oder weniger neues Auto besitzt und die Leute um einiges wohlhabender als z.B. in Russland sind!

Um unsere Vorurteile noch weiter zu erschuettern, fing dann Akbar, unser Herbergsvater der gerade sein Hotel wieder aufbaute, an mit uns ueber Lesbierinnen im Iran und sein Sexualverhalten zu reden, waehrend draussen auf der Strasse betrunkene Jugendliche groehlten. Wir kochten fuer den kraenkelnden Satoru und uns Spaghetti (bis Satoru unerklaerlicherweise Durchfall bekam), hoerten uns Akbars Pakistaner-Witze an (die ungefaehr vergleichbar mit unseren Oesi-Witzen sind) und streiften in der zerstoerten Altstadt rum. Akbar wollte dann unbedingt Jettis Mutter heiraten, weil er sich fest vorgenommen hatte, die Frau zu wechseln wenn er 70 wird.

Wir fuhren dann weiter nach Kerman, eine Stadt die immer noch in derselben Wueste wie Quetta liegt und auch etwa so gross ist, aber was fuer ein Unterschied: Ueberall gepflegte Parkanlagen, keine Schlafanzuege, neue Autos - und die Maedchen sind ein Thema fuer sich: Perser sehen schon im allgemeinen sehr gut aus, aber die Maedchen ziehen sich teilweise so sexy an und schminken sich so stark, dass man in Europa denken wuerde, es sei Samstag Abend. Und im Gegensatz zu Indien oder Pakistan, wo man einen Grossteil der Maedchen gar nicht als weibliche Wesen wahrnehmen kann, sprechen sie hier auch Auslaender an, flirten und sind ziemlich selbstbewusst. Spaeter haben wir erfahren, dass in Teheran etwa 70 Prozent der Maedchen eine Schoenheitsoperation haben, was zuerst unglaubwuerdig klingt - aber wenn man sich im Iran umschaut und die vielen jungen Maenner und Frauen sieht, die stolz ihr weisses Operationspflaster auf der Nase tragen, wirkt das schon realistisch! Aber auch die Maenner sind keine baertigen Schlafanzugtraeger mehr, sondern koennten so gekleidet locker in Berlin-Mitte durchgehen - wir kamen uns eigentlich immer am siffigsten vor! Da wirklich niemand einen Bart traegt - er ist hier ein Statement, dass man die Regierung unterstuetzt, und das will natuerlich niemand- habe ich mich auch gleichrasiert, nicht dass ich ausser Ahmadinedschad der einzige im Land mit Bart bin… Wir blieben nur 3 Stunden in Kerman, aber in dieser Zeit wurden wir von mehreren Leuten kostenlos rumgefahren und ungefaehr so unglaublich gastfreundlich behandelt wie in Pakistan.

Mit einem nagelneuen Bus fuhren wir weiter in Richtung Persicher Golf, nach Bandar-e-Abbas. Wir kamen ins Gespraech mit Reza (gibt es einen offensichtlicheren Namen in diesem Land?), einem Jungen in ungefaehr unserem Alter, der in Bandar eine eigene Wohnung hat und fuer eine Zigarettenfirma arbeitet. Er hat uns dann gleich zu sich nach Hause eingeladen, wo wir fuer ein paar Tage seine Freunde trafen und bemerkten, wie absolut jedes Klischee ueber den Iran so langsam auseinanderbrach: Seine Freundin (!) kam oefters vorbei, trank selbstgebrannten Schnaps (!) mit uns, rauchte und lief in Rezas Wohnung um einiges krasser rum als die meisten deutschen Maedels (!), seine Freunde kamen, rauchten Opium und laberten ueber Fussball und amerikanische Filmstars, und wie die meisten iranischen Jugendlichen gehen sie hin und wieder auf eine Party mit viel Alkohol und knapp bekleideten Maedchen. Alkohol ist recht leicht zu besorgen, jeder kennt einen Dealer, oder man fraegt einfach den Taxifahrer. Und wenn man sehen will was Maedchen auf den Partys anhaben, muss man nur an den ganzen Boutiquen vorbeilaufen, wo hautenge und halbdurchsichtige Tops verkauft werden - alles was man Jugendlichen verbietet, ist halt gleich doppelt so cool…

Bandar-e-Abbas ist eine unglaublich heisse Stadt, man schwitzt bei Tag oder Nacht gleichermassen und das warme Wasser des Persischen Golfs ist auch keine Abkuehlung (mal davon abgesehen, dass Frauen im vollen Hedschab baden muessen). Mit Schnellbooten sind wir auf die umliegenden Inseln gefahren, nach Hormos (nach der die Strasse von Hormos benannt ist) und Queshm. Als wir nach ein paar Tagen weiterfuhren, hatten wir uns schon so an Reza gewoehnt, dass es uns nicht leicht fiel, uns zu verabschieden.

Der naechste Stop war Schiraz, in der Mitte des Landes. Die Stadt wirkte noch europaeischer, denn ausser den eh ueblichen tausenden Pizzalaeden, Hot-Dog- und Kebabbuden gab es auch unzaehlige Parks, baumbestandene Alleen, Fussgaengerzonen usw. Das mag fuer euch jetzt nicht spannend klingen, aber nach vielen Monaten im Fernen Osten fuehlten wir uns im Iran wie kurz vor unserer Haustuer. Die Schirazis sind sehr kulturbegeistert, sie pilgern zu den Graebern von alten Poeten (Hafez wird wie ein Heiliger verehrt, man sagt dass er sogar die Zukunft voraussagen kann) und sind sehr stolz auf ihre alte persische Kultur. Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb sich die Leute hier nicht so an den Islam klammern wie die Pakistaner: Waehrend man in Pakistan von fast jedem “Are you muslim?” gefragt wurde, interessiert das im Iran niemanden, wir haben im Iran keine einzige Litanei ueber den Islam gehoert, waehrend das in Pakistan alltaeglich war (”You know, our holy prophet, peace be upon him, blablabla…”). Die Pakistaner definieren ihre Nation nur ueber den Islam, denn das ist das einzige was sie von Indien unterscheidet, wohingegen die Iraner die stolzen Nachfahren einer der aeltesten Zivilisationen der Welt sind, die u.a. auch unsere westliche Kultur massgeblich gepraegt haben. Fuer sie ist der Islam ein “neueres” Ereignis, und da auch noch die Araber ihn gebracht haben, werden oft Witze gemacht. Die Iraner halten von den Arabern naemlich nicht sonderlich viel und werden arg beleidigt, wenn man sie als Araber bezeichnet (was sogar der “Spiegel” manchmal tut!).

In Schiraz haben wir einen deutschsprechenden Argentinier kennengelernt, der auch eine Ueberlandtour macht, und fuhren mit ihm nach Persepolis, der alten Hauptstadt des persischen Imperiums, die von Alexander dem Grossen bei einem Saufgelage abgefackelt wurde. Alle haben uns erklaert, dass die Regierung sich nicht gut um Persepolis kuemmert und die Staette nach der Revolution sogar plattmachen wollte, weil sie nicht islamisch ist, aber trotzdem wirkt sie sehr beeindruckend. Wir trafen ein paar junge Iraner, mit denen wir den ganzen Tag verbrachten, einer von ihnen lud uns fuer den naechsten Tag zu ihm nach Hause ein. Omid und seine Familie sind Bahai. Obwohl die Regierung eigentlich gar nicht schlecht mit nichtislamischen Religionsgruppen umgeht (es gibt in Teheran sogar noch 30.000 Juden!), werden die Bahai verfolgt und vom Kontakt mit der Bevoelkerung abgehalten, denn sie glauben an einen Propheten, der nach Mohammed kam, was im Islam ein Sakrileg ist. Omids Eltern haben ihre Jobs verloren und wurden vom Geheimdienst genervt, aber sie sind nicht wie die meisten in die USA abgehauen. Es war sehr interessant mit ihnen zu reden und ihre Sicht der Dinge zu hoeren, sie hoffen dass George Bush den Iran angreift und Demokratie bringt. Auch unsere Hinweise auf die Zustaende im Irak und dass westliches Gerede von Demokratie immer etwas heuchlerisch ist, hat sie nicht umgestimmt, sie hassen das Regime so sehr dass sie ihnen einen Krieg wuenschen.

Etwas weiter noerdlich in der Wueste ist Yazd, eine der aeltesten noch bestehenden Staedte der Welt, die wie eine kitschige Hollywoodversion einer alten Wuestenstadt aussieht und total unglaubwuerdig waere, wenn sie nicht wirklich existieren wuerde. Ein Meer von sonnengebrannten Lehmhaeusern mit alten Windtuermen und tuerkisblauen Minaretten, die schon seit Ewigkeiten dort zu stehen scheinen: Ein Gebaeude haben die Soldaten von Alexander gebaut! Es war wirklich unglaublich schoen dort, aber auch sehr heiss, deshalb fuhren wir bald weiter in die angeblich schoenste Stadt der islamischen Welt.

Isfahan ist eine Stadt, die wohl wirklich zu den schoensten auf der ganzen Welt gehoert, dort sammeln sich so viele vollendete Bauwerke, Palastgaerten und malerische Bruecken auf einmal, dass es fuer den ganzen Iran gereicht haette! Dort trafen wir dann auch zum ersten Mal seit langem wieder gehaeuft auf Touristen, vor allem intellektuelle Studiosus-Gruppen aus Deutschland oder Frankreich, die uns herablassend anguckten als seien wir Drogenabhaengige am Bahnhof und uns dann ignorierten. Aber wir waren ja auch nicht da, um deutsche Spiesser anzuschauen, sondern den unglaublichen Imam Square und die Moscheen! Wie immer luden uns wieder viele Leute ein oder redeten nur mit uns, obwohl es hier einen Haufen etwas aufdringlicher Teppichhaendler gab, die eher an Zahnaerzte und Rechtsanwaelte gewoehnt sind…

Nach vier Tagen fuhren wir weiter nach Kashan, das immer noch in der Wueste liegt. Zwischen iranischen Staedten ist meistens nur Sand, aber zwischen Isfahan und Kashan ist nochmal ein kleiner Ort, Natanz, der ziemliche Beruehmtheit bei uns erlangt hat: Dort steht ein Teil des iranischen Nuklearprogramms. Verrueckterweise ist es nicht versteckt, sondern ist gleich neben der Strasse, und im Bus zeigte jeder darauf und erzaehlte uns was es ist. Es stiegen auch ein Haufen Leute dort ein. Der Komplex ist riesig, aber nur von ein paar sehr alt aussehenden Luftabwehrstellungen beschuetzt, und sah nicht so modern aus.

Aus diesem Ort sind damals die Heiligen Drei Koenige Richtung Bethlehem losgezogen (was ja bedeutet, dass im Koelner Dom jetzt drei tote Iraner liegen!). Als wir dort ankamen, waren die Hotelbesitzer und Taxifahrer dort so nervig und geldgierig, dass wir auch ohne einen Komet wieder abhauten und gleich nach Teheran fuhren.

Teheran ist der uebliche Moloch, der entsteht wenn sich eine kleine Stadt in fuenfzig Jahren zu einer 14-Millionen-Metropole entwickelt, obwohl sie natuerlich eine Schoenheit im Vergleich mit vielen indischen Staedten ist. Das einzige, was erwaehnenswert ist, sind die eisbedeckten Berge, die man von den heissen Strassen aus sieht, und die edlen Boutiquen neben Khomeinis Postern. Als wir mit der U-Bahn zu Ayatollah Khomeinis Mausoleum fuhren, lernten wir einen Deutsch-Iraner kennen, der seit der Revolution in Muenchen lebt. Er war mit seiner Nichte unterwegs, und wir schleiften beide zum ersten Mal in das Khomeini-Mausoleum, wo mehr Iraker als Iraner waren und das eher den Charme einer Vorort-Mehrzweckhalle hatte. Abends lud uns Kazem zu seiner Familie ein. Obwohl er mit Khomeinis Iran vollkommen abgeschlossen hat, war er 1979 auch ein Revolutionaer, der den Schah verjagen wollte - nur war er bei den Linken, die irgendwie nicht mitbekommen haben, wie die Ayatollahs die Revolution an sich rissen. Wie er sind die meisten Iraner ziemlich enttaeuscht.

Kazem war nur einer von hunderten Iranern, die uns mit ihrer Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft schier ueberwaeltigten. Nur um euch mal einen Eindrueck zu geben, schildere ich mal einen unserer letzten Tage, als wir das Visum fuer Aserbaidschan besorgen wollten: Als wir mitten in der Stadt an der Endhaltestelle der U-Bahn ankamen, kuemmerte sich ein Mann fast zehn Minuten darum, dass wir in den richtigen Bus kommen. Im Bus gab uns eine Frau einfach zwei Bustickets, aber der Busfahrer wollte uns auch einladen, so dass wir am Schluss kostenlos mitfuhren und immer noch zwei Tickets fuer die Rueckfahrt hatten! Wir mussten umsteigen in ein geteiltes Taxi (d.h. vier Leute die in dieselbe Richtung wollen treffen sich an einer bestimmten Stelle), wo ein Maedchen im Taxi unsere Fahrt bezahlte. Bei der aserbaidschanischen Botschaft angekommen wollten sie, dass wir die Visumsgebuehr bei einer ziemlich weit entfernten Bank einzahlen und gaben uns 30 Minuten bis sie schliessen. An der Strasse hielt gleich ein Auto mit einer jungen Familie, die uns kostenlos zur Bank bringen wollten, dort wurden wir bei der Schlange vorgelassen und kamen noch rechtzeitig zurueck zur Botschaft, um den ganzen Papierkram zu erledigen. Danach setzten wir uns vor einen nahegelegenen Tante-Emma-Laden, wo bald zwei aeltere Herren vorbeikamen, die uns Gebaeck schenkten. Wir redeten mit ihnen, und nach einer Zeit kam einer der beiden zurueck und schenkte uns Tee, Kandiszucker und echt iranische Teeglaeser! Beim Zurueckfinden zur Bushaltestelle halfen uns wieder zwei Maedchen die extra mitgingen. Wir stiegen dann wieder um in die U-Bahn und wollten uns im Zentrum eine typisch iranische Pizza (ohne Tomatensosse, dafuer mit Ketchup oben drauf) genehmigen. Wir trafen einen jungen Iraner, der sich selbst deutsch beigebracht hat (und gar nicht nach Deutschland will) und uns unbedingt auf die Pizza einladen wollte! Das alles war nur ein Tag, sowas passiert hier einfach staendig! Und wir haben uns natuerlich nicht hier durchgeschnorrt, sondern immer versucht, abzulehnen, dass die Leute fuer uns zahlen, aber sie liessen sich nicht abhalten, denn wir sind ja die Gaeste. Es ist wie in Pakistan, nur dass die Leute “europaeischer” sind und somit die Gastfreundschaft anders ausfaellt. Noch nie habe ich erlebt dass Taxifahrer die Bezahlung verweigern oder oeffentliche Busse nur fuer uns durch die halbe Stadt fahren, um ein Hotel zu finden!

Insgesamt kann man sagen, dass man zwar zur Zeit ueber kein Land dieser Region mehr Berichte hoert als ueber den Iran, und trotzdem war unser Bild noch nie so falsch wie diesmal. Selbstbewusste Maedchen, die alle auf die Uni gehen (ueber 60 % weibliche Studenten), junge Leute die Partys machen und Sex haben - und absolut niemand ist antiwestlich, ganz im Gegenteil: Der grosse Fehler des Regimes hier ist es, sich selbst mit dem Islam gleichzusetzen und alles Boese mit dem “Grossen Satan” USA. Da die Jugendlichen das Regime naemlich ablehnen, lehnen sie auch die Religion ab, und da die Politiker immer ueber die USA schimpfen, sind sie ganz begeistert von Amerika! Es ist unglaublich, nach einer Reise durch einen Grossteil Eurasiens haben wir die Meinung von Hunderten von Leuten ueber die USA gehoert, und sie war wirklich immer mehr oder weniger die Gleiche. Ironischerweise ist der Iran das erste Land in dem ich war, in dem die Leute begeistert ueber Bush sprechen, die Vereinigten Staaten und alles was sie produzieren anhimmeln, und dieses Gerede ueber “Wir bringen die Fackel der Demokratie in die Welt” wirklich glauben! Jeder will in die USA ziehen oder einen amerikanischen Akzent lernen (was eine echte Erleichterung ist nach dem seit 60 Jahren stehengebliebenen Sahib-Englisch auf dem Subkontinent a la “I shall provide, Sir”) und wenn sie von uns negative Kommentare ueber Mr Bush hoeren, sind sie wirklich schockiert! Nicht dass hier Missverstaendnisse aufkommen: Wir wollen hier nicht das Regime besser machen als es ist, denn die Leute sind nicht wegen sondern trotz den Ayatollahs so! So wie es aussieht hatten iranische Frauen schon immer die Hosen an, und die lassen sie sich auch von einem Khomeini nicht ausziehen. Und die Jugendlichen haben wie ueberall am meisten Spass an den Sachen, die verboten sind. Ein Drittel der Bevoelkerung des Irans ist unter Dreissig, von denen ist bis auf ein paar Landeier oder arg konservativ Erzogene jeder gegen die Ayatollahs, und sie verhalten sich alle so, als wohnten sie gar nicht in einem Gottesstaat. Man kann die Aufmuepfigkeit ueberall spueren, bei den hautengen Manteaus der Maedchen, den Wodkaflaschen im Muell, der demonstrativen Verwendung von westlichen Guetern oder den Haendchen haltenden oder sich sogar in der Oeffentlichkeit kuessenden Paerchen (das ist auch in Indien verboten!). Insgesamt wirkt es, wie die Stimmung wohl kurz vor den 68ern gewesen sein muss: Spiessige Herrscher, die total den Kontakt zu ihrer jungen Bevoelkerung verloren haben und ueberhaupt nicht mehr ernst genommen werden. Natuerlich wird jetzt nicht gleich etwas passieren, denn die riesige Generation kommt aus der Zeit von 1979 bis 1985, als Khomeini sechs Kinder als Norm pro Familie festlegte, nur um dann wegen der Kinderflut sofort zurueckzurudern. Die sind jetzt noch im Party- und Saufalter, aber bald sind sie mit der Uni fertig und sitzen an den Schalthebeln der Gesellschaft. Ich glaube, dass man keine Sanktionen oder einen Militaerschlag braucht, man muss einfach nur warten, dann loest sich der Gottesstaat einfach so auf, weil er keinen mehr interessiert.

Naja, wir sind ja keine Politikberater, und die Amis haben ja ihre ganzen Geheimdienste und werden schon wissen, dass ein Grossteil der iranischen Bevoelkerung sie liebt. Wir werden jetzt dann jedenfalls weiter in den “wilden” Kaukasus fahren, die Grenzregion bei der niemand genau weiss ob sie schon Europa oder noch Asien ist. Zuerst geht es nach Aserbaidschan, dann nach Georgien und einen Abstecher nach Armenien (Psst! Erzaehlt das ja nicht den Aserbaidschanern!), und dann nehmen wir eine Faehre ueber das Schwarze Meer in die Ukraine. Wir werden wohl in etwa 4 Wochen wieder in weissblauen Gefilden sein, um nach vielen vielen Monaten als Freunde zu Gast in der Welt endlich daheim die Welt zu Gast bei Freunden in Empfang nehmen zu koennen, gell Kaiser Franz (<–eine Reisebekanntschaft)!

Viele Gruesse aus der Hauptstadt eines Schurkenstaates,

Andreas und Jetti

Wo es keine Terroristen gibt…

Geschrieben von Andreas am Samstag den 15. April 2006

Quetta, Pakistan

Asalaam Aleikum!

Waehrend wir hier in Quetta, der einzigen groesseren Stadt im Umkreis von mehreren hundert Kilometern mitten in der Wueste auf eine Entscheidung des iranischen Innenministriums warten, halten wir euch mal ueber unsere Erlebnisse im “Land der Reinen” auf dem Laufenden:

In Indien haben wir ja schon einiges ueber Pakistan gehoert: Dass dort alle Einwohner Terroristen seien, dass es ueberall organisierte Kriminalitaet gaebe und dazu noch ueberhaupt keine Sehenswuerdigkeiten. Auch CNN und BBC erwecken eher den Eindruck, man fahre grad in ein Land voll von durchgeknallten Fundamentalisten, die einem den Kopf abschneiden wollen. Als wir dann aber in Lahore ankamen, waren wir echt ueberrascht: Die Stadt ist die wahrscheinlich offenste, angenehmste und freundlichste Stadt auf dem ganzen Subkontinent! Viel mehr Frauen als in Indien liefen rum, und anders als im Nachbarland hatten viele kein Kopftuch und konnten sogar englisch! In Indien laufen Frauen, die nicht aus der Oberschicht kommen, in der Gegend herum wie desillusionierte Kreaturen, die eigentlich nur darauf warten, im naechsten Leben als etwas cooleres geboren zu werden. Die Strassen sind viel sauberer, die Leute pinkeln und kacken nicht mehr einfach in die Gegend, es gibt fast keine Bettler, und die Leute wollen einen nicht abzocken, sondern ganz im Gegenteil: Sie verweigern Bezahlung, weil wir ja Gaeste ihres Landes sind! Den ersten Abend gingen wir mit Essi und Astrid, zwei deutschen Maedchen die wir an der Grenze getroffen hatten, und einem etwas seltsamen Japaner erst mal stundenlang auf Zimmersuche. Danach liessen wir uns noch zu einem Sufi-Schrein fahren, um die wirklich eigenartige Zeremonie anzuschauen, die dort jede Woche stattfindet. Sufismus ist eine mystische Richtung des Islam: die Sufis (oder Derwische) versuchen durch wildes Tanzen und ziemlich viel Marihuana in Trance zu kommen, die sie naeher an Allah bringt. Als wir dort ankamen, war der ganze Schrein gerammelt voll mit baertigen Pyjamatraegern, der dicke Dunst von Gras hing in der Luft und die Ohren droehnten von dem psychedelischen Getrommel und dem seltsamen Bueffelhorn, durch das der “Trompeter” immer wieder blies. In der Mitte wirbelten mehrere Sufis wie wild in der Gegend herum, schuettelten ihren Kopf 20 Minuten ohne Unterbrechung hin und her und grinsten dabei als seien sie schon im Paradies. Es war wirklich unglaublich, dass diese Leute nicht nach einer Viertelstunde vor Erschoepfung zusammenbrachen, sondern fuer Stunden bis spaet in die Nacht weitermachten!

Es ist zwar eine eigentlich unzulaessige Verallgemeinerung, aber die Pakistaner sind wirklich die gastfreundlichsten Leute, denen wir bisher begegnet sind! In den naechsten Tagen in Lahore - und auch auf der ganzen weiteren Reise - wurden wir unzaehlige Male zum Tee eingeladen, Leute wollten uns mit in ihr Heimatdorf nehmen oder zahlten den Bus fuer uns, wenn wir sie nur nach dem Weg fragten! Staendig wurde und wird uns Essen angeboten, sogar von Restaurants! Polizisten, Soldaten oder Ladenbesitzer wollen unsere Hand schuetteln, Fernsehsender wollen Jingles mit uns aufnehmen und so ziemlich jeder will Fotos von uns machen. Wildfremde Leute haben mir Buecher ueber den Islam geschenkt, in Bussen oder Zuegen kriegen wir die besten Sitze und bei Schlangen werden wir oft nach vorne gerufen. Mit der Zeit kann das natuerlich auch anfangen ziemlich zu nerven: Als wir uns nur die wirklich schoene Badshahi-Moschee und das alte Fort der Moghul-Kaiser anschauen wollten, wurden geschaetzte hundert Fotos von uns gemacht, wir schuettelten wahrscheinlich doppelt so viele Haende und beantworteten immer die gleichen Fragen: Wo wir herkommen, wie wir Pakistan finden und ob wir zuvor gedacht haben, alle Pakistaner seien Terroristen. Wir koennen nie einfach in Ruhe die Strasse entlanggehen, weil wir als Auslaender immer “Gaeste” sind und jeder gute Muslim sich verpflichtet fuehlt, sich uns anzunehmen.

Diese Frage ueber die Terroristen ist sehr bezeichnend fuer Pakistan: Die Leute sind besessen von diesem Thema, alle wissen wie ihr Land in westlichen Medien dargestellt wird und das tut ihnen anscheinend sehr weh. In Pakistan gibt es prozentual ungefaehr so viele islamische Fundamentalisten wie in Deutschland Neonazis, und so beleidigend wie wir es finden, als Nazis bezeichnet zu werden, finden sie ihre Darstellung im Ausland. Es ist erstaunlich wie viele Leute in Pakistan Alkohol trinken (obwohl es offiziell verboten ist) oder nicht zur Moschee gehen. Das heisst natuerlich nicht, dass sie nicht an Allah glauben (wir haben bisher keinen einzigen Atheisten oder Agnostiker getroffen), aber sie setzen den Islam nicht ueber alles andere - zumindest nicht in Lahore. Fast jeder in Pakistan redet gern ueber Politik, und jeder kommt mit anderen Verschwoerungstheorien auf - vielleicht kommt diese Vorliebe daher, dass das Land mehr als die Haelfte seiner Existenz lang von Diktatoren regiert wurde und die Leute es so gewoehnt sind, die “Wahrheit” hinter den offiziellen Fakten zu suchen, dass sie das einfach nicht mehr abstellen koennen! Verlorene Cricketspiele (Indien hat den Schiedsrichter bestochen), der 11. September (es war der Mossad), der Irak (Bush will die Iraker zu Christen konvertieren) und natuerlich der amerikanische Unilateralismus (die uebliche zionistische Weltverschwoerungstheorie) werden alle teils sehr kreativ / abstrus erklaert. Seltsamerweise geben sie - nachdem sie einem lang und breit erklaert haben, dass CNN nur luegt - fuer ihre Nachbarlaender die ueblichen westlichen Stereotypen wieder: Die Iraner seien alle Fundamentalisten und die Afghanen Terroristen…

Kein Einziger hat uns ueber die Mohammed-Karikaturen befragt, aber trotzdem konnten wir in Lahore die Folgen sehen: Ein McDonalds war komplett ausgebrannt, ein anderer ziemlich demoliert. Als wir vor den verkohlten Ruinen des KFC standen (wie wir gehoert haben, hat der Mob vor dem Anzuenden noch alle Chicken Wings aufgegessen), bat uns ein peinlich beruehrter Soldat, doch bitte kein Foto zu machen. Ein Passant erklaerte uns dann, dass das eben passiert, wenn man den Propheten (Friede sei auf ihm) beleidige, und gleich im naechsten Satz fragte er, wie er denn einen deutschen Pass bekommen koenne, er wuerde dafuer auch aufhoeren, Muslim zu sein…

Ueberhaupt, Muslime: Der Islam, der in Pakistan praktiziert wird, hat entgegen allen Beteuerungen soviel mit Mohammeds Islam gemein wie der Katholizismus mit den Lehren von Jesus. Da die meisten Muslime auf dem Subkontinent konvertierte Hindus oder Buddhisten sind, wird Mohammed manchmal wie Buddha verehrt; es gibt ein Aequivalent zu den hinduistischen Sadhus, die Fakire, die nicht immer wie bei uns geglaubt auf einem Nagelbrett sitzen, sondern einfach heilige Einsiedler sind (Sebastian, von dem ich spaeter schreibe, hat einen in der Naehe von Islamabad in den Bergen entdeckt); in der Badshahi-Moschee in Lahore liegen Reliquien von Mohammed (seine Schuhe, sein Schwert, ein paar Haare usw.), und jeder kuesst die versiffte Scheibe; und ueberall im Punjab stehen Schreine von Sufi-Heiligen rum, die wie hinduistische Goetter verehrt werden. In einem Bus in Peshawar hat mir ein baertiger Mann, der zuvor die ganze Fahrt mit seiner Gebetskette gebetet hatte, mit seinem Taschenrechner meine Zukunft vorhergesagt. Das alles ist laut “orthodoxem” Islam verboten, denn Heilige, Wahrsager, weltliche Gegenstaende usw. sind einfach nicht verehrungswuerdig. Trotzdem kuemmert das hier niemanden so richtig, ausser ein paar engstirnigen Fundis.

Nach fuenf Tagen in Lahore kannte uns das ganze Basarviertel, und unser Stammrestaurant (das eh nie den vollen Preis von uns wollte: etwa 1,50 Euro fuer ein riesiges Essen fuer zwei) spendierte uns ein pakistanisches Festessen: Ziegenhirn, Joghurt, Fladenbrot, Gemuesecurry und Kebab (ungefaehr wie Cevapcici, hat nichts mit dem tuerkischen Kebab zu tun). Ein reicher Pakistaner, der ein bisschen auf Astrid stand, fuhr uns zu einem Freizeitpark, wo etwa 10.000 Maenner auf eine Coverband abgingen. Als wir fragten, warum denn da keine Frauen seien, meinte er: “Frauen wollen sowas nicht”.

Pakistan ist das einzige Land, von dem ich gehoert habe dass Touristen Dinge billiger kriegen als Einheimische - sonst ist es ja immer umgekehrt. Alle Auslaender kriegen 25 % auf Bus und Bahn, Studenten sogar 50! Dummerweise muss man dafuer eine Dreiviertelstunde in der Hoelle subkontinentaler Buerokratie verbringen, in einem Buero mit 8 Beamten und Stapeln voll in der feuchten Luft verrottenden Akten, die alle Tee trinken, rauchen und Zehennaegel schneiden. Der Zug nach Rawalpindi war aber - im Vergleich zu Indien - eine Offenbarung!

Die pakistanische Hauptstadt ist ungefaehr wie die indische in klein: Rawalpindi und Islamabad sind mittlerweile fast zu einem Konglomerat zusammengewachsen, wobei ‘Pindi (wie die Pro’s sagen) das typische siffige und laute Gewusel ist und Islamabad die vor 40 Jahren nach Schachbrettmuster angelegte kaum gelungene Persiflage auf westlich-europaeische Staedte. Natuerlich hat das Auswaertige Amt auch hierher Beamte abgestellt, die wir mit unserem Besuch belaestigen koennen: Ellen (auch eine Kollegin von Ricki) und ihr Mann Sebastian haben uns wirklich sehr freundlich empfangen und viele interessante Dinge ueber dieses seltsame Land erzaehlt. Sie wurden aus einer kleinen Muenchner Wohnung in eine ueberdimensionierte Villa im Zentrum von Islamabad transferiert, komplett mit Waechtern, Gaertner und Diener. Auch nach eineinhalb Jahren finden sie das immer noch etwas seltsam, aber fuer uns war es wie ein kurzer Flug nach Deutschland: Der Diener, Sherafzal, konnte naemlich auch Schnitzel und deutsches Fruehstueck machen! Da Ellen natuerlich fuer den ganzen Luxus auch was tun musste, zeigte uns Sebastian die nicht gerade vielfaeltigen Sehenswuerdigkeiten der Hauptstadt: Das Scharia-Gerichtsgebaeude; den Palast von General Musharraf; die Villa, in der Atombombenbauer Khan anscheinend recht angenehm im Hausarrest fristen muss; die groesste Moschee der Welt, ein riesiges Betongeschenk der Saudis, das den Stil einer evangelischen Vorortkirche aus den 70ern hat; und die Huegel um Islamabad, in denen Sebastians Jeep sich so richtig austoben kann.

Nach zwei Tagen zogen wir weiter, obwohl wir es wirklich sehr genossen haben dort. Wir wollten den Karakoram Highway hoch in den Himalaya fahren, aber das unglaubliche Chaos am Busbahnhof verzoegerte die Abfahrt um eine Stunde, und noch in den Vororten von Rawalpindi platzte der erste Reifen. Der Karakoram Highway wird hier gerne als “Achtes Weltwunder” bezeichnet, und nicht zu Unrecht: Er wurde teils in den nackten Fels gesprengt, durch eines der hoechsten Bergterrains der Welt und durch einige der menschenfeindlichsten Gebiete des Planeten. Hunderte kamen beim Bau um, und jedes Jahr kostet es viel Geld und Arbeit, damit sich der Himalaya die Strasse nicht wieder zurueckholt durch Erdrutsche, Steinschlaege, Erdbeben oder Gletscher. Den Spass haben zur Haelfte die Chinesen bezahlt, damit sie ihren Ramsch auch in Pakistan verkaufen koennen und per Karachi schneller nach Europa schippern, und dementsprechend voll ist die ganze Gegend mit chinesischem Krimskrams. Das Wort “Highway” fuehrt aber in die Irre, der KKH wirkt eher wie ein kleiner betonierter Feldweg, nur dass es meistens rechts tausend Meter senkrecht nach unten geht und links senkrecht nach oben. Es wurde schnell dunkel, aber der Mond erhellte den Nanga Parbat und andere richtig hohe und schneebedeckte Berge als seien sie angestrahlt. Die Fahrt ging durch Gegenden, die bis in die 80er nicht mit einer Strasse verbunden waren und deswegen auch nie der Kontrolle Pakistans unterlagen. Die Stammesfuehrer dort wollen daran nichts aendern und fuehren deswegen regelrechte Kleinkriege mit der Regierung und anderen Clans, weshalb es oft Checkpoints gibt und Militaerkonvois. Um vier Uhr nachts kamen wir dann nach der zweiten Reifenpanne endlich in Besham an, einem kleinen Ort, der eigentlich nur aus zwei Haeuserzeilen (Metzger und Waffenlaeden) zu beiden Seiten der Strasse besteht. Natuerlich haben sich wieder mal zwei Pakistaner verpflichtet gefuehlt, uns zu helfen, und da die Gegend (Indus Kohistan) ziemlich unsicher ist, wollten sie nicht dass wir in einem Billighotel uebernachten und handelten eines der nobleren Hotels im Ort auf ein paar Euro runter - natuerlich kannten sie wieder den Besitzer, in diesem ganzen riesigen Gebiet kennt irgendwie jeder jeden. Am naechsten Morgen lud uns ihr Chef, der sich am Tag zuvor (natuerlich rechtswidrig) ziemlich viel hinter die Binde gekippt hatte und einen Mordskater hatte, zum Fruehstueck und Mittagessen ein und organisierte die Weiterfahrt fuer uns. Die Fahrt ging mitten durch das Erdbebengebiet vom letzten Oktober. Ueberall waren zerstoerte Doerfer und riesige Fluechtlingscamps der unterschiedlichsten Laender (v.a. Kuba, China und islamische Laender), die teilweise recht haarstraeubend an der steilen Felswand entlang angelegt waren. Es war immer noch sehr kalt, und wir konnten uns nicht vorstellen wie die Leute den Winter in den duennen Zelten ueberlebt hatten, aber uns wurde immer erzaehlt, dass die es hier gewoehnt seien zu frieren. Die Fahrt ging durch das Tal des maechtigen Indus (der Fluss, der Indien seinen Namen gegeben hat und paradoxerweise jetzt in Pakistan liegt), und nach einiger Zeit gewoehnten wir uns an die andauernden Schluchten, die gleich neben unserem Fenster steil zum Flussbett runtergingen, und an die irren Ueberholmanoever auf einer schmalen Strasse ohne Absperrungen… Nach weiteren Militaerkonvois, Geroell auf der Strasse und sich langsam ueber den KKH schiebenden Gletschern kamen wir wieder mal nachts in Gilgit an, dem groessten Ort in den Noerdlichen Gebieten, aber trotzdem ein Kaff. Obwohl der Ort sehr klein ist, versammeln sich hier Dutzende von verschiedenen Sprachen, Ethnien und Religionen, denn dieses Gebiet war mal Teil der Seidenstrasse und wurde von Eroberern und Haendlern aller Herren Laender betreten - und ein paar blieben immer. Wie das so ist mit multikulturellen Gesellschaften heutzutage, wollen sie sich ploetzlich auch hier die Koepfe einschlagen, weshalb die Stadt eher wirkt wie ein Armeelager: Ueberall sind Checkpoints, Jeeps mit aufgesetztem Maschinengewehr patroullieren die Strassen und an jeder Ecke stehen Sandsackbarrieren und Soldaten. Als wir endlich ein Hotel gefunden hatten, dessen Besitzer sich aufwecken liess, stand ploetzlich ein Soldat mit Kalaschnikow in unserem Zimmer und erklaerte, dass er ein “Pakistan Ranger” sei, die Stadt verteidige und mit uns Tee trinken wolle. Wir freundeten uns mit ihm und seinen Kollegen an, und mussten dann jedes Mal Tee trinken und etwas essen, wenn wir an ihrem Maschinengewehrposten vorbei kamen. Mit den beiden Jungs aus dem Bus trafen wir uns auch wieder: Karim und Deeda sind professionelle Bergsteiger und waren sogar schon ein paar Mal mit Reinhold Messner unterwegs! Wir besuchten den ganzen Tag verschiedene Verwandte und mussten natuerlich wieder ueberall Tee trinken und essen, so dass uns am Abend richtig schlecht war. Die muslimische Gastfreundschsft ist schier unerschoepflich, und deshalb kam Deeda natuerlich mit ins Hunza-Tal, in das wir unbedingt wollten und aus dem seine Familie stammt.

Das Hunza-Tal ist noch etwas hoeher im Himalaya und war schon immer wie geschaffen fuer Mythen aller Art: Die Leute dort sprechen - wie in jedem Tal - eine Sprache, die mit keiner anderen verwandt ist, und sie haben es ueber die Jahrtausende geschafft, aus der kargen Hochgegend einen Garten Eden zu machen, mit Obstbaeumen, Feldern und kleinen Doerfern. Manche halten das Tal fuer das sagenumwobene Shangri-La, und Westler sind eher beeindruckt davon, dass viele Einwohner hier weit ueber hundert Jahre alt werden - dank der eigenwilligen aber sehr gesunden Kueche (Aprikosensuppe und so) und der guten Luft. Wenn man in das Tal hineinfaehrt, wirkt die Gegend ploetzlich sehr unwirklich, eher wie aus einem Fantasyfilm: Das gruene Tal ist durchsetzt mit Sprenkeln von roten und weissen Kirschblueten, der Hunza-Fluss zieht friedlich durch die Doerfer und an beiden Seiten des Tals steigen einige der hoechsten Berge der Welt empor. Wir wohnten in Karimabad, einem kleinen Ort aus Lehmhuetten, der ungefaehr so hoch lag wie die Zugspitze und dementsprechend kalt war - nicht gerade ideal, wenn der Rucksack voll ist mit Klamotten fuer die Tropen oder zumindest europaeischen Sommer. Mit Deeda machten wir einen Trek zum Ultar-Gletscher, der fuer Deeda, der es gewoehnt ist zum K-2 oder Nanga Parbat zu trekken, natuerlich ein Spaziergang war, aber fuer uns knapper Selbstmord. Stundenlang stiegen wir das Gletschertal hoch, mit jedem Hoehenmeter wurde es noch anstrengender. Immer wieder brachen riesige Eiszapfen von der Felswand ab und schlugen dumpf auf dem Boden auf, und als wir total erschoepft am Gletscher ankamen, war die Temperatur schon weit unter Null gesunken und es schneite. Deeda hielt uns mit Reinhold-Messner-Imitationen vom Kollabieren ab: Anscheinend hat der gute Mann Wutausbrueche, auf die Oliver Kahn stolz waere!

Natuerlich mussten wir auch dort wieder Deedas Familie besuchen, und das sind hier immer komplette Sippschaften: Wir sassen in zig Haeusern und hatten danach wieder die ueblichen Tee-Bauchschmerzen… Die meisten Leute in dieser Gegend sind Ismaeliten, eine recht moderne Form des Islam, die den Aga Khan als Nachfahren Mohammeds und rechtmaessigen Anfuehrer anerkennt. Bisher kannten wir den guten Aga Khan ja nur aus der Boulevardpresse, aber dort hing sein Portrait in jedem Zimmer, Orte waren nach ihm benannt und an den Berghaengen waren noch die riesigen Begruessungen fuer ihn wegen seines letzten Besuchs zu sehen. Alle dort sind sehr stolz auf ihren krassen Familienzusammenhalt, und wenn sie uns fragten was wir in Europa mit unseren alten Menschen machen, waren wir immer etwas peinlich beruehrt.

Aber nicht nur Ismaeliten gibt es im Hunza-Tal, sondern auch Schiiten. Als wir von Gilgit losfuhren, musste der Bus eine Stunde lang an einer Kreuzung warten, bis eine Prozession von tausenden Schiiten vorbeimarschiert war, die um den Tod ihres vor ueber einem Jahrtausend verstorbenen Imams Hussein trauerten - die Beerdigung von Milosevic, die wir am selben Morgen bei BBC gesehen hatten, war ein Witz dagegen! Die Schiiten trauern jedes Jahr 40 Tage lang, und wir waren auch dabei, als im Hunza-Tal ein Trauerzug den Hoehepunkt der Zeremonie beging: Dutzende Schiiten mit blossen Oberkoerpern schlugen sich mit Peitschen, an deren Enden Rasiermesser befestigt waren, auf den Ruecken, bis dieser nur noch eine einzige blutige Sauerei war. Die Strasse war danach gesprenkelt mit Blutstropfen, die geparkten Autos sahen aus wie nach einem Masskaer und die Sanitaetszelte des Roten Halbmonds waren voll mit Maennern, die es etwas uebertrieben hatten mit ihrer Trauer. Diese Prozession gehoert zu den seltsamsten Dingen, die wir je gesehen haben, aber die Fundis von Opus Dei geisseln sich ja auch…

Nach ein paar Tagen, in denen Jetti konstant noergeliger wurde wegen der andauernden Kaelte (etwa 7-8 Grad im Zimmer), musste ich sie regelrecht zwingen, noch ein wenig noerdlicher zu fahren, nach Passu. Dort waren wir gar nicht mehr so weit weg von der chinesischen Grenze, und das Fernsehprogramm hatte auch schon russische Sender. Nicht dass wir einen Fernseher gehabt haetten, oder sonst irgendwas… Es war noch so kalt dort, dass kein Hotel offen hatte, aber da ausser uns auch zwei Koreaner und ein eigenbroetlerischer Belgier ein Zimmer brauchten, oeffnete einer sein “Hotel” schon vorzeitig: Eine bruechige Lehmhuette mit siffigen verwanzten Matratzen, keinem Wasser und ueblem Modergestank. Ohne Zweifel das schlimmste Zimmer, dass wir auf der Fahrt hatten, es wirkte eher wie eine syrische Gefaengniszelle, aber zum Glueck war es zu kalt fuer Ratten. Um nicht zu erfrieren mussten wir gleich mehrere speckige Decken uebereinanderschichten, die so schwer waren dass man gar nicht mehr frei atmen konnte. Und die naechsten Tage hatten wir immer Bettwanzen… Zusammen mit den Koreanern wollten wir zu einer Haengebruecke in der Naehe laufen, die Beschreibung von Lonely Planet war aber so ungenau dass wir uns so richtig verliefen. Stundenlang kraxelten wir Bergruecken rauf und runter, durch monstroese Dornenstraeucher (das einzige was dort noch waechst) und ein ausgetrocknetes Flussbett, bis wir endlich an der ziemlich labilen Haengebruecke ankamen und ich, laut Jetti, endlich meine “idiotischen Indiana-Jones-Instinkte” befriedigen konnte - mei, lass mich halt… Beim Rueckweg bekam Jetti dann noch Muskelkraempfe im Bauch von der ganzen Ueberanstrengung, die mehrere Tage anhielten.

Erschoepft kamen wir wieder in Gilgit an, das uns ploetzlich wie ein Leuchtstern der Zivilisation und eine Weltstadt vorkam, wir erholten uns ein paar Tage, tranken wieder Tee mit Soldaten und Karims Familienmitgliedern und machten uns dann auf den langen Weg zurueck in die Punjab-Ebene.

Wir fuhren gerade durch ein ziemlich gefaehrliches Gebiet in Indus Kohistan (jeder sagte immer nur, es gaebe “problems” hier, aber keiner wollte uns sagen was fuer welche denn genau), als der Bus ploetzlich an die Seite fuhr, den Motor ausmachte, der Busfahrer eine Durchsage machte und dann alle wie selbstverstaendlich einschliefen. Es war mitten in der Nacht, wir hatten keine Ahnung was los war und da anscheinend alle Menschen auf dem Subkontinent ein Problem mit ihren Polypen haben, war das Geschnarche kaum auszuhalten. Wir gingen nach draussen in die Kaelte und trafen zwei junge Gilgiter, die uns erklaerten dass der halbe Berg auf den Karakoram Highway gefallen ist und wir erst am Morgen weiterfahren koennten. Anfangs waren sie noch sehr nervoes wegen den boesen boesen Kohistanis in der Gegend hier, doch dann entspannten sie sich und wir redeten stundenlang ueber die ueblichen Themen hier: Weltpolitik und was fuer eine friedliche Religion der Islam eigentlich waere, wenn es nicht die machthungrigen und erzkonservativen Dorfmullahs gaebe. Es ist erstaunlich wie viele gebildete und weltoffene Menschen es in Pakistan gibt, vor allem unter den Ismaeliten.

Am naechsten Morgen sahen wir das wahre Ausmass: Felsen so gross wie ein Haus lagen auf der Fahrbahn, und nachdem alle Sprengversuche scheiterten, mussten wir mit Sack und Pack ueber die Felsen klettern, was natuerlich in typisch subkontinentales Chaos ausartete. Die Leute, die wieder ihren halben Bauernhof mitgenommen hatten, hatten einiges zu tun. Auf der anderen Seite standen unzaehlige Busse, die eigentlich noerdlich wollten, aber jetzt einfach einen Passagieraustausch mit den Bussen auf der anderen Seite aufnahmen und wieder zurueck fuhren. Nach einer weiteren Nacht in einer keinem bekannten Millionenstadt namens Abbottabad (ein Brite hat mal schnell eine Stadt nach sich benannt), kamen wir endlich in Peshawar an.

Peshawar ist die letzte Stadt vor der afghanischen Grenze und umringt von afghanischen Fluechtlingslagern. Obwohl die Stadt nicht mehr so krass wirkt wie vor drei Jahren, ist es immer noch Welten entfernt vom kosmopolitischen Lahore oder den weltoffenen Ismaeliten: Fast keine Frauen sind auf den Strassen, und wenn dann tragen sie Burkas oder die Black-Ninja-Kluft. Wir haetten zwar kaum gedacht, dass es moeglich ist, aber hier wurden wir noch verwunderter angestarrt oder aus fahrenden Autos begruesst als sonst! Peshawars Altstadt besteht aus unzaehligen engen Gassen, die ueberquillen vor Schlafanzug tragenden baertigen Maennern und Afghanen mit Mudschahedin-Turbaenen. Es gibt dort fast alles zu kaufen, was sich ein Pakistaner wuenschen kann, aber nach ein paar Tagen hatten wir uns sattgesehen. Unser Hotel bestand aus einem Konglomerat von giftgruen gestrichenen fensterlosen Zellen, denen irgendein Zyniker den komplett irrefuehrenden Namen “Five Star Hotel” gegeben hat. Jedes Mal wenn wir in unsere Zelle wollten, versuchten Angestellte und Gaeste unter den abstrusesten Vorwaenden, in unser Zimmer zu kommen, um zu sehen was die mysterioesen “Angresis” dort nur trieben.

Mit dem Bus fuhren wir in die Umgebung von Peshawar, vorbei an den schier endlosen afghanischen Fluechtlingslagern, die sich im Laufe der Jahre schon zu befestigten Lehmstaedten gemausert haben. Ein grosses Schild warnte, dass ab jetzt die fuer Auslaender verbotene “Tribal Area” anfaengt: Dort gilt kein pakistanisches Recht mehr, die Polizei hat keine Befugnisse und man ist den Gesetzen der paschtunischen Stammesfuehrer ausgeliefert, die sich immer noch der Regierung verweigern. In dieser Gegend soll sich auch Osama bin Laden aufhalten, da sich dort weder die pakistanische noch die US-Armee hineintraut - obwohl die Pakistaner natuerlich beteuern, Osama sitze in einem Luxuszimmer im Keller des Pentagon und feiere dort hin und wieder mit George W. Bush die Dummheit der Leute… Ein Taxifahrer brachte uns fuer etwas Bakschisch an den Polizeiposten vorbei, und gleich hinter der “Grenze” pakistanischer Gesetze begann der “Schmugglerbasar”: Elektronik, Autoteile und alles was sonst noch Zoll zahlen muesste, wird mit Eseln ueber den Hindukusch hierher geschleppt und verkauft. Wir waren in einem Laden, in dem sie uns stolz Heroin, Opium, Gras, Handfeuerwaffen, Kalaschnikows und relativ gut gefaelschte Dollars zeigten, hin und wieder kamen Kunden und kauften etwas (meistens Gras). Es hat sich wohl herumgesprochen, dass westliche Touristen oder Journalisten so etwas ziemlich krass finden, denn sie kamen sich recht cool vor. Am haertesten fanden sie selbst aber, dass sie auch harte Spirituosen und Heineken-Dosen hatten. Als Jetti und ich den Gin, den sie uns stolz hinstellten, nahmen und jeder ein Glas tranken, waren sie ziemlich geschockt - sie verkaufen das Zeug zwar, wuerden es aber nie trinken!

Wir hatten ja schon in Delhi eine Agentur ueber das Internet beauftragt, uns fuer teures Geld die Sache mit dem iranischen Visum zu erleichtern - das ist naemlich dank ziemlich bescheidener Diplomatie von Quadratschaedeln auf beiden Seiten des Atomstreits eine eher heikle Sache fuer Westler geworden. Erst mal mussten wir die drei Wochen Ferien abwarten, die sich das gesamte iranische Aussenministerium zu Gunsten des iranischen Neujahrs genehmigten, und dann… warteten wir immer noch. Wir warteten eine Woche planlos in Peshawar, waehrend der wir nichts weiter taten als ein Paket zu verschicken (das Salman-Rushdie-Buch musste weg, wir wollen aus dem Iran ja nicht gleich wieder rausfliegen) und eine Baeckerei taeglich fast leer zu essen (natuerlich durften wir nur die Haelfte bezahlen). Als wir dann so gelangweilt von Peshawar waren und etwas naeher am Iran weiterwarten wollten, hatte der Besitzer der Baeckerei Traenen in den Augen und wollte uns gar nicht gehen lassen, aber er war wohl eh etwas nah am Wasser gebaut…

Da Quetta ziemlich weit weg ist, dachten wir, es sei schlauer den komfortablen Zug zu nehmen, wo wir dann sogar ein Zweier-Schlafabteil fuer uns allein hatten! Erst als der Zug schon fuhr, bekamen wir allerdings mit, dass wir jetzt ueber Rawalpindi, Lahore, den ganzen Punjab, Sindh und dann erst Quetta fahren werden - fuer die der suedasiatischen Geographie nicht mehr ganz maechtigen: Wir kreisten Quetta also mit dem Zug so langsam ein, bis wir dann nach 36 Stunden ankommen wuerden. Bis auf ein extrem nerviges punjabisches Landei-Paerchen, die immer vor dem Klo auf uns warteten und kicherten wenn einer von uns raus kam (die beiden waren etwa 50 Jahre alt!), war die Fahrt mehr oder weniger angenehm, und wir hatten nochmal eine Rundreise durch das ganze Land. Die Landschaft wechselte von den fruchtbaren aber uebervoelkerten Steppen des Punjab ueber die kargere Landschaft in Sindh bis zu totaler heisser Wueste in Baluchistan. Irgendwann wurde die Wueste immer steiniger, dann bergiger, und schliesslich wurde es kuehler und wir kamen in Quetta an.

Quetta ist ziemlich allein hier in der Gegend, die naechste groessere Stadt ist Kandahar in Afghanistan. Die Leute sind ungefaehr so konservativ wie in Peshawar (Jettis Frauen-auf-der-Strasse-Index: 8 %), und aus unerfindlichen Gruenden ist jedes zweite Geschaeft in der Stadt eine Apotheke. Entweder haben die Leute hier ernsthafte medizinische Probleme, oder hier war nur wieder die typisch subkontinentale Einfallslosigkeit in Sachen Geschaeftsidee (vermischt mit ein bisschen “Insch’Allah”-Fatalismus) am Werk. Ansonsten gibt es noch viele Ledersandalenlaeden und Waffengeschaefte.

Unser ziemlich nobles Hotel (mit Spiegelmosaiken in der Lobby und gehacktem Satellitenfernsehen) laesst uns ihre leider recht siffige Kueche benuetzen, aber dummerweise ist die Auswahl an Lebensmitteln in Quetta sehr beschraenkt: Gurken. Ich weiss auch nicht warum, aber jeder in dieser Stadt verkauft Gurken, aber schon fuer Zwiebeln oder Tomaten muss man lange suchen. Nach einer Stunde Suchen fanden wir mal endlich eine Thunfischdose, aber die lief ungefaehr ab, als wir geboren wurden. Jetti sucht trotzdem immer brav und zaubert erstaunlich abwechslungsreiche Gerichte aus den immergleichen Zutaten - auch von den hunderten Kakerlaken in der Kueche laesst sie sich nicht abhalten. Der eigentliche Koch laesst sich aber so schnell nicht vertreiben und schnipselt immer die Gurken klein, und hin und wieder wuergt er sich auch westliches Essen runter, das wir ihm anbieten - er findet es zwar ohne Zweifel ziemlich eklig, wuerde das aber nie sagen.

Da auch in Baluchistan Rebellen Krieg gegen die Regierung fuehren (diesmal gehts um Erdgas - ach, um Rohstoffe, endlich mal ein Kriegsgrund den wir Westler verstehen!), duerfen wir nicht in die Umgebung fahren und muessen unser Dasein im nicht gerade spannenden Quetta fristen, wo mehrmals am Tag fuer Stunden der Strom ausfaellt, wo die Uhren der Moscheen anscheinend nicht richtig gehen und somit immer zeitversetzt und somit viel laenger “Allah’u Akbar” hinausposaunt wird, und wo die Leute uns anschauen als seien wir grad aus einem UFO ausgestiegen. Wir verbringen die Zeit meistens in Internetcafes (wenn es mal Strom und eine Verbindung gleichzeitig geben sollte) und schreiben boese Mails an die Agentur in Teheran. Leider kriegt man in den Internetcafes am ehesten mit, wie sehr die scheinheilige Zuechtigkeit vieler Muslime die Maenner zu verzweifelten Kreaturen macht: Wir sind die einzigen, die das Internet nicht zum Anschauen von Porno-Seiten benutzen und haben nach jedem Besuch das dringende Beduerfnis, unsere Haende zu waschen… Auch auf den Strassen macht sich die extreme sexuelle Frustration bemerkbar: Die Pubertaet in Pakistan scheint 20 Jahre zu dauern, anders ist das Verhalten vieler erwachsener Maenner nicht mehr erklaerbar, wenn sie Jetti sehen - Jaulen, verlegenes Kichern, debiles unglaeubiges Starren und der meistens misslingende Versuch, auf einem Motorrad oder einem klapprigen Fahrrad cool zu wirken. Und obwohl es in diesem Kulturkreis normal ist, wenn Maenner Haendchen halten, uebertreiben das einige hier so sehr, dass man schon richtig die Ersatzhandlung erkennen kann: Baertige Maenner, die sich gegenseitig auf der Parkbank streicheln oder umarmt einschlafen wirken anfangs seltsam, aber man gewoehnt sich daran…

Vor ein paar Tagen, nachdem die Agentur also 6 Wochen Zeit fuer unser Visum hatte und wir somit schon zwei Wochen mit planlosem zermuerbendem Rumhaengen verbracht hatten, schrieb uns Hamid aus Teheran ploetzlich, dass wir das Visum zwar kriegen wuerden, aber nicht in Quetta oder sonstwo in Pakistan. Die Sadisten im iranischen Aussenministerium wollen, dass wir in ein anderes Land fliegen oder fahren, unser Visum dort holen und dann in den Iran fahren, denn die Grenzgegend zwischen Pakistan und dem Iran sei zu gefaehrlich. Vor mehreren Wochen wurde in einer abgelegenen Seitenstrasse in der Wueste dort ein Bus von Drogenschmugglern ueberfallen und ein paar Leute erschossen - was aber eigentlich jetzt nicht sooo ungewoehnlich ist hier und noch lange kein Grund, kein Visum zu geben. Vielleicht werden wir auch geaergert, weil der Westen den Iran aergert, wer weiss. Als wir bei dem chaotischen Konsulat rausgekriegt hatten, dass an einem Tag eine Konferenz der iranischen Konsuln und ihrer Bosse aus Teheran im Quetta Serena (das einzige Nobelhotel) ist, schlichen wir eine Stunde lang da rum. In diesem korrupten Teil der Welt sind Beziehungen alles, und wir hatten gehofft, “zufaellig” einen Iraner zu treffen, dem wir dann nebenbei unser Problem schildern. Leider haben sie sich aber recht abgeschirmt und sind auch so von den Baluchis kaum zu unterscheiden…

Wir wissen jetzt jedenfalls nicht was wir tun sollen, und wir koennen uns auch nicht ueber irgendwelche Entscheidungsmoeglichkeiten informieren, weil in Karachi vor ein paar Tagen irgendjemand (die Pakistaner sagen natuerlich, es war der indische Geheimdienst) eine sunnitische Feier zu Ehren des Geburtstags von Mohammeds in die Luft gejagt hatte und ueber 50 Menschen starben. Jetzt streikt das gesamte Land seit mehreren Tagen gegen die korrupte Polizei, die die Taeter nur halbherzig fassen will, und gegen fundamentalistische Anfuehrer, die das Selbstmordattentat zum Anfachen neuer Feindschaft zwischen den Religionen oder den innerislamischen Gruppierungen nutzen will. Alles schoen und recht, aber als uns jemand erzaehlt hat, dass der Streik weitergehen soll, bis die Taeter gefasst wuerden, bekamen wir Panik: “Taeter fassen? Von der pakistanischen Polizei? Wir sitzen hier fuer immer fest!”

Tja, das ist das Dilemma. Wir wollen eigentlich auf jeden Fall in den Iran, denn erstens kann es sein dass Herr Bush dieses Land bald von der Landkarte bombt und sie mit Isfahan und Persepolis bestimmt genauso sanft umgehen wie vor ein paar Jahren mit Babylon und dem irakischen Nationalmuseum, und zweitens liegt der Iran geographisch so, dass wir unseren Plan vom Ueberlandtrip nach Deutschland aufgeben muessten, wenn wir nicht hinfahren. Andererseits: Wenn die Iraner uns wirklich fuer boese imperialistische Agenten halten, gibt es natuerlich noch viele Laender, die es schaetzen wenn wir unser Geld in ihrem Land lassen… Aber irgendwie muss das schon gehen, in den Iran zu kommen: Die ganzen Agenten vom Mossad und dem CIA habens doch auch geschafft!

Naja, wir werden sehen. Bis hier wieder was laeuft, werden wir die Einwohner von Quetta weiter mit unserem mysterioes langen Aufenthalt hier verunsichern - bei ihrem Wahn fuer Verschwoerungstheorien gibt es bestimmt schon die verruecktesten Geschichten ueber uns, wir haben uns schon ueberlegt, gezielt “aus Versehen” Blaetter mit gezeichneten Angriffsplaenen auf Teheran fallen zu lassen, um die Theorien noch etwas anzuheizen… nein, nicht wirklich…

Also, viele Gruesse aus dem Wuestenkaff Quetta und seid gespannt von wo wir uns das naechste Mal melden!

Von Bush zum Dalai Lama

Geschrieben von Andreas am Montag den 13. März 2006

Lahore, Pakistan

Asalaam Aleikum, oder besser doch noch mal Namaste, da es ja bei dem Bericht noch um Indien geht.

In Udaipur trafen wir zufaellig Marius, den wir aus der Uni kannten. Er hatte gerade die Zwischenpruefung in Ethnologie gemacht, wohnt in Augsburg und seine Freundin in Untermenzing - Zufaelle gibts… Wir hingen dann auch recht oft in seinem Hotel rum, wo die Besitzerfamilie sehr nett war und uns immer zum Essen einlud. In Udaipur wurde der James-Bond-Film “Octopussy” gedreht, und deshalb wird er jeden Abend auf unzaehligen Dachterassen gezeigt. Zum Glueck kann man 007-Filme ja unendlich oft anschauen, und es ist besonders spassig wenn man danach in den Altstadtgasen die Drehorte wiedererkennt!

Von Udaipur fuhren wir ins nahe gelegene Chittorgarh, eine fruehere Rajputenfestung, die von den Moghuln (den muslimischen Eroberern) zerstoert wurde, nur um dann in Udaipur wieder aufgebaut zu werden. Es ist schon beeindruckend, wie viele Felsenfestungen und Maharajapalaeste in Rajasthan so rumstehen, denn gleich in der naechsten Stadt - Jodhpur - gabs schon wieder einen! Jodhpur wird die blaue Stadt genannt, weil die Altstadt zu Fuessen des echt riesigen Meherangarh-Forts blau bemalt ist. Ich bin wieder in das gleiche Hotel wie vor drei Jahren gegangen, aber der eifrige Besitzer hat total umgebaut - und leider auch die Preise angepasst. Als wir dann nach einem langen und verwirrenden Aufstieg vom Fort auf die blaue Stadt und die Auslaeufer der Thar-Wueste blickten, wurden wir aber fuer alles entlohnt, die Sicht ist echt unglaublich!

Danach kamen wir dann schon nach Delhi, wo wir uns um unsere Pakistan-Visa kuemmern mussten. Nervigerweise muss man zuerst bei der deutschen Botschaft einen “Letter of Recommendation” holen, einen schnell getippten Zettel, auf dem steht dass die Botschaft nichts dagegen hat wenn wir nach Pakistan fahren (was geht die das ueberhaupt an?). Fuer die halbe Stunde warten und 5 Minuten Arbeit werden dann glatt 20 Euro verlangt! Wir waren ziemlich angepisst, schliesslich sind 20 Euro 3 Tage Luxus in Indien, und als wir hoerten, dass Franzosen den Zettel umsonst bekamen, schrieb Jetti eine Beschwerde an Herrn Steinmeier, die dann - natuerlich - mit ein paar Paragraphen, die ja alle ihre Richtigkeit haetten (Ja, das ist ja das Problem!) beantwortet wurde. Tja, ob in Delhi oder Hinterpfuiteufel, deutsche Aemter bewahren halt ueberall ihren eigentuemlichen Charme…

Hindernisse ganz anderer Art legte uns dann der amerikanische Praesident in den Weg: Schon Wochen vorher waren indische Zeitungen voll mit stolzen Meldungen, dass Bush Indien zu einer “legitimen Nuklearmacht” erheben will (und Pakistan nicht), und was fuer tolle Kumpels Indien und die USA doch werden. CIA-Agenten stiegen fuer ihren Praesidenten hinab in die Kloake unter den Strassen Delhis (die schon oben siffig genug sind), um nach Bomben zu suchen, und viele Sehenswuerdigkeiten wurden sicherheitshalber geschlossen. Als er dann da war, ging eh gar nichts mehr. Wir haben uns eine der vielen riesigen Demonstration angeschaut, bei der Kommunisten, Muslime, Feministinnen und Rikschafahrer gegen den Besuch protestierten. Riesige Menschenmassen draengten sich durch die Strassen, und alle waren total begeistert uns zu sehen, weil sie dachten wir seien Amerikaner. Spaeter dachten sie dann, wir seien Journalisten, weil wir die ganzen skurrilen Aktionen fotografierten. Da wurde eine Bush-Puppe verbrannt und auf sie eingedroschen, Sprechchoere skandierten “Killer Bush go Home” und alles wirkt im Fernsehen sicher sehr bedrohlich. In Wirklichkeit war es wie ein Festival fuer alle, Essensstaende verkauften Snacks und sogar die Polizisten amuesierten sich. Wir dachten, dass das abends bestimmt sehr martialisch bei CNN rueberkommen wird, aber es kam eigentlich gar nicht rueber, denn obwohl laut Zeitung 200.000 Menschen demonstriert hatten, wurde es nicht gesendet. Als Bush dann ein paar Tage spaeter in Pakistan ankam, gingen in Lahore knapp 10.000 Leute auf die Strasse und verbrannten ein paar Flaggen, das war dann sogar gross bei Spiegel Online zu sehen. Anscheinend verkauft sich das einfach besser, wenn die boesen, boesen Muslime im boesen, boesen Pakistan ein wenig demonstrieren gehen…

Weil wir ja eh recht viel warteten, besserten wir auch noch ein wenig die Reisekasse auf: Fuer 500 Rupien (10 Euro) waren wir einen Tag lang Statisten fuer eine HBO-Produktion. Wir wurden zusammen mit 50 anderen Travellern zu einem speziellen Trainingsflugzeug gefahren, wo die meisten Komparsen eben Passagiere darstellen sollten. Einige Leute, die eine gewisse Aehnlichkeit mit den Hauptdarstellern hatten (unter anderem ich), wurden dann Doubles. Ein paar der Maedels, die als Doubles genommen wurden, bekamen nach kurzer Zeit richtige Starallueren und wollten Spezialbetreuung, obwohl ich ihnen immer wieder erzaehlte, was eine “Second Unit” ist (den “Making Of’-Filmchen sei dank). Ich hatte mich extra etwas rausgeputzt, nur damit die Kostuemfrau mich wieder in einen Indientraveller umkleidet, und dann durfte ich mit der Second Unit den ganzen Tag durch ganz Neu Delhi fahren. Wir sassen in Taxis oder Polizeiautos und wurden von weit weg gefilmt, damit die echten Darsteller sich nicht die Muehe machen mussten. Ich hab den britischen Regisseur wohl etwas genervt mit den staendigen “Ah, ist das jetzt ne Verfolgungsjagd?”-Fragen; bei einem heimlichen Blick in sein Drehprotokoll wurde mir klar, dass es ein ziemlich daemlicher schnulziger Film werden wird…

Delhi und Neu Delhi sind zwar eigentlich eine Stadt, aber so unterschiedlich wie Tag und Nacht. In Delhi herrscht typisch indisches Chaos und Gewusel, waehrend in Neu Delhi, wo die Regierungsbeamten und Diplomaten wohnen, baumbestandene Alleen, Villen und saubere Strassen einen glatt an Europa denken lassen. Es gibt nur eine Ausnahme in Neu Delhi: Pahar Ganj. Und es ist einfach unverstaendlich, wie das Basarviertel von Neu Delhi, Pahar Ganj, zu einem Travellerzentrum werden konnte, denn dieses echt siffige und stinkende Viertel ist einer der hektischsten und lautesten Gegenden, die wir bisher erlebt hatten. Staendig muss man gleichzeitig aufpassen, nicht in Kuhkacke zu treten, von einer Rikscha oder Motorraedern ueberfahren zu werden, Kulis auszuweichen und die nervigen Verkaeufer und Drogendealer loszuwerden. Wir lernten zwar mal wieder sehr viele Leute kennen (zwei gerade angekommenen Israelis mussten wir immer wieder versichern, dass der Rest des Landes nicht ganz so schlimm wie Pahar Ganj ist), aber wir waren dann doch sehr froh, nach einer Woche wieder aus Delhi weg zu kommen, obwohl wir in unserem Hotel seltsamerweise sogar ein rundes Bett hatten und das Zimmer sehr comfortabel war. Es kam uns wie eine wahre Oase vor, wenn wir vom Bazaarviertel ins Zimmer zurueckkamen…

Als naechstes ging unsere Fahrt nach Dharamsala, an den Auslaeufern des Himalaya, wo man schon schneebedeckte Gipfel sieht und es dank 2000m ueber dem Meeresspiegel recht frisch ist. Als die chinesische Armee in den 50ern in Tibet einmarschierte, flohen viele Tibeter mit ihrem spirituellen Fuehrer, dem Dalai Lama, hierher und bauten sich seitdem dort ein Little Lhasa auf. Ploetzlich meint man, nicht mehr in Indien zu sein: Ueberall tibetische Gesichter, rote Roben, Gebetsfahnen und seltsamerweise keine Bettler mehr! Tibetisches Essen ist an sich ja eigentlich keine Offenbahrung, es ist ungefaehr so wie in der Mongolei (die beiden Voelker sind ja auch verwandt) - aber fuer uns war es wie der Himmel auf Erden! Endlich wieder mit Fleisch gefuellte Teigtaschen, die es von Polen bis Peking eigentlich ueberall gibt, und kein Linsenmatsch mehr! Haetten wir den Dalai Lama treffen wollen, haetten wir nur eine Woche warten muessen, aber dafuer war es uns dann doch zu kalt dort oben.

Wir fuhren die Bergpaesse wieder nach unten in den warmen Punjab, wo wir in Amritsar, der letzten grossen Stadt vor der pakistanischen Grenze und der Stadt der Sikhs Halt machten. Im Zentrum der recht laermigen Stadt steht der Goldene Tempel der Sikhs, der majestaetisch in einem kuenstlichen See thront und von dem 24 Stunden am Tag das heilige Buch der Sikhs gesungen wird. Ich traf sogar den Sikh-Waechter wieder, den Eckert und ich vor drei Jahren getroffen haben! Er war mal 12 Jahre in Stuttgart und hat immer noch einen schwaebischen deutschen Akzent und teils recht derbe Woerter in petto (”Jaja, da hinde kann ma fresse, ge!”).

Alle Inder schuettelten lachend den Kopf, aber wir liessen uns nicht davon abhalten, zu ihren Erzfeinden in Pakistan zu fahren. Die Situation zwischen den beiden Laendern hat sich ja entspannt, aber immer noch fahert man an vielen Kasernen, Minenguerteln und einem bis zum Horizont reichenden meterhohen Zaun vorbei, der stark an die deutsch-deutsche Grenze oder die DMZ in Korea erinnert. Direkt vor der Grenze liessen wir uns ueberreden, unser fuer laengere Zeit wohl letztes Bier zu trinken, und fanden auch heraus dass unsere Ueberlandroute nach Mitteleuropa wohl doch nicht so originell ist: Ein Deutscher und zwei Maedchen fuhren mit dem VW-Bus zurueck, und ein Oesterreicher tat dasselbe. Die Pakistaner waren sehr nett und wollten nicht mal das Gepaeck oeffnen (vor drei Jahren mussten wir sie noch mit Kondomen bestechen), und dann wurde die Grenze auch schon dicht gemacht. Wie jeden Tag werden auf beiden Seiten zu dem Anlass hunderte Menschen angekarrt, die von arg patriotischen “Animateuren” zu “Pakistan”- oder “Hindustan”-Schreien angefeuert werden. Die groessten Soldaten der beiden Laender marschieren auf fast schon laecherlich britische Art auf und ab - die Beine werden so hoch wie nur moeglich geschleudert und dann wie bei einem eingeschnappten Kind mit aller Wucht auf den Boden gestampft - , dann schuetteln sie sich fuer einen Buchteil einer Sekunde die Haende und senken dann unter lautem Getoese die Flagge. Da wir ja in Pakistan waren, war Jetti auf der Frauenseite und ich bei den Maennern, wo ich schon gleich von einer Gruppe unglaublich gut englisch sprechender 12jaehriger ueber die typischen pakistanischen Themen ausgefragt wurde (Cricket; ob daheim alle glauben dass alle Pakistaner Terroristen seien; ob Pakistan besser sei als Indien…). Der Tag war damit noch lange nicht rum, aber das schreiben wir beim naechsten Mal. Jetzt sind wir in Lahore und bisher total begeistert von Pakistan. Auch dass Jetti hier ein Kopftuch traegt, wird nicht von ihr erwartet, sondern sie macht es freiwillig: Als wir in Cochi in Kerala nachts auf unserem Balkon ein Bier tranken, gaffte uns ewig ein Typ auf einem Fahrrad an. Als wir irgendwann mit der Taschenlampe auf ihn leuchteten, sahen wir dass er sich einen runterholte, obwohl von Jetti ja eigentlich nicht viel zu sehen war! Ueberall in Indien wurden die Maenner sofort hibbelig wenn sie ein westliches Maedchen sahen, weil in Hollywood-Filmen ja gezeigt wird, wie schnell man bei uns Sex haben kann. Hier in Pakistan wird sie mit dem Kopftuch viel ernster genommen und mit mehr Respekt behandelt, ausserdem fuehlt sie sich wirklich besser damit. Vielleicht sollten Alice Schwarzer und Co erst mal hier Urlaub machen, bevor sie das Kopftuch als Zeichen der Unterdrueckung sehen…

“Ohh,ohh,ohhhh, Good morning, India!”

Geschrieben von Andreas am Freitag den 24. Februar 2006

Udaipur, Indien

Namaste, wieder mal!

Suedindien haben wir wirklich in einem Kraftakt bewaeltigt: In Tamil Nadu gibt es viele Staedte, die sich um einen riesigen Tempel herum ausdehnen, und so sind wir meistens einen Tag in den Staedten geblieben und den naechsten auf den holprigen Strassen weitergereist. Diese riesigen Tempel, wie zum Beispiel in Tiruchirappalli oder Madurai, sind wirklich beeindruckend: Ganze Viertel vor dem Tempelbereich verkaufen allen moeglichen spirituellen Krimskrams, Sadhus draengen sich am Strassenrand, und vor einem erheben sich riesige mit unzaehligen Figuren verzierte Tuerme, die den Eingang des Tempels markieren. Innendrin bestehen sie aus wahren Labyrinthen aus Schreinen, dunklen Saeulenhallen, bronzenen Kuehen und allen moeglichen Goetterbildern. Die Luft wabert vor Raeucherstaebchen und ueberall hoert man Mantra-Gesaenge. Die Athmosphaere findet man wohl sonst nur noch selten irgendwo auf der Welt.

So cool es auch war, irgendwann sind wir etwas tempelmuede geworden und waren froh, in den suedostlichen Bundesstaat Kerala zu kommen. Kerala wird schon seit Ewigkeiten von den Kommunisten regiert und ist einer der wenigen Orte der Erde, der damit besser wegkommt: In Kerala koennen mehr Leute lesen und schreiben, das Einkommen ist doppelt so hoch, es gibt weniger Bettler und es ist auch nicht schmutzig, ein wahres Paradies eben. Leider haben TUI, Neckermann und ihre britischen Aequivalente dieses Paradies auch erkannt: In Kovalam, einem kleinen Ort direkt am Meer, mit einem eigentlich sehr schoenen Strand, haben sich in den ueberteuerten Strandrestaurants die fettbaeuchigen englischen und deutschen Pauschaltouristen gedraengelt, die Bier zum Fruehstueck trinken und keine Ahnung haben, ab wann man in Indien echt krass abgezockt wird. Zum Glueck haben ein paar Schotten etwas Licht in die derbe Provinzialitaet gebracht (ihr glaubt nicht, wie schnell das Exotikflair weg ist, wenn man von hinten so ein Norma-oberbayerisch hoert!): Die Schotten meinten, sie muessen ueberall auf der Welt ihre Burns-Night feiern (”Burns, the great poet. What, you don’t know him???”), und dazu haben sie dann Whiskey ausgeschenkt und Haggis gemacht! Vom Whiskey haben wir uns ausgiebig bedient, und vom Haggis haben wir wahrscheinlich soviel gegessen wie alle anderen Gaeste zusammen! Es wird ja so getan, als sei Haggis (gestopfter Schafsmagen) das Ekligste was auf der verregneten Insel jemals hervorgebracht wurde, aber wir waren so scharf auf europaeisches Essen und konnten gar nicht mehr aufhoeren - die Schotten waren jedenfalls beeindruckt… Als wollten uns die Briten an diesem Abend beweisen, dass sie nunmal ein echt exzentrisches Voelkchen sind, kamen wir noch mit unserem Nachbarn ins Gespraech, der ein “esoteric egyptologist” ist und glaubt dass die Aegypter von einer hochentwickelten Antarktis-Zivilisation abstammen und uns Fotos von seinem ziemlich grossen aegyptischen Tempel zeigte, den er in seinem Vorgarten in einem Kaff in Yorckshire baut…

Wir fuhren dann weiter per Boot durch die Backwaters. Die Backwaters sind ein riesiges verzweigtes Kanalsystem, das durch Kokospalmenhaine, Reisfelder und dschungelartige Waelder fuehrt. Die Leute fahren auf Bambus-Hausbooten durch die Kanaele und hin und wieder angeln sie auch. War schon sehr schoen, aber wir fanden beide das Mekong-Delta in Suedvietnam beeindruckender…

Auch Cochi, die erste europaeische Stadt auf indischem Boden (der erste Buergermeister war Vasco da Gama, der Mann, der WIRKLICH den Seeweg nach Indien gefunden hat) war nicht so spektakulaer wie unser eh etwas nerviger Reisefuehrer behauptete. Die ganze eigentlich nette Altstadt war in teure Hotels fuer Pauschaltouristen umgewandelt, und die Inder verlangten dreist uebertriebene Preise fuer alles. Eine Kuriositaet gab es aber doch: Ein juedisches Viertel komplett mit Synagoge! Irgendwann vor mehr als 2000 Jahren, als der Grosse Tempel in Jerusalem zerstoert wurde und die Juden gezwungen waren, sich in alle Welt zu zerstreuen, sind ein paar auch hier in Kerala gelandet und konnten dort relativ unbehelligt leben, bis die fundamentalistischen Portugiesen kamen. Jetzt sind die meisten in Israel, und die wenigen uebriggebliebenen koennen sich indischen Einfluessen - wie die Christen - nicht widersetzen: In Cochi muss man in Kathedralen oder der Synagoge wie bei einem Tempel die Schuhe ausziehen, um Kopfbedeckungen schert sich niemand…

Von Cochi sind wir nach Mysore gefahren, wo ein krasser Maharajapalast (das ist mal ein Wort fuer Gluecksrad: “Ich kaufe ein A!”) stand. Da sie ihre Macht ja an die Englaender abgeben mussten, haben die Maharajas ihre Zeit mit Frauen und Palastbauen verbracht, und zwar beides in beeindruckenden Dimensionen.

Dank der indischen Infrastruktur brauchten wir fuer 300 km geschlagene 14 Stunden nach Hospet, kurz vor Hampi. Recht geschlaucht machten wir uns am naechsten Morgen auf zum Tagesausflug nach Hampi. Als wir dort grad fruehstueckten, fing ein Spielzeughaendler sehr laut mit einer konkurrierenden Spielzeughaendlerin an zu streiten, spaeter schlug er sie. Dann zog er seinen Schuh aus und schlug ihr mit ihm mehrmals ins Gesicht, bis sie total blutete. Komischerweise wehrte sie sich nicht dagegen und sah auch nicht verwundert aus, und komischerweise rannte auch ausser Jetti niemand hin um ihr zu helfen… (Aber indische Frauen, die nicht der Mittel- oder Oberschicht angehoeren, muessen eh einiges mitmachen: Sogar die 50 Paise - 1 Cent - fuers Klo muessen sie sich von ihren Maennern erbeten, wenn sie eine oeffentliche Arbeit machen, dann ist es Bauarbeiterin und Steineklopferin, beides in Indien anscheinend Frauenberufe).

Hampi selbst war sehr beeindruckend. Frueher mal die Hauptstadt eines riesigen Imperiums, liegen die Ruinen verteilt zwischen skurrilen Felsformationen, was zusammen einen sehr surrealen Eindruck macht.

Beim Zurueckfahren nach Hospet musste unser Motorrikschafahrer auf der Hauptstrasse ausweichen: Ein Mann lag, alle Gliedmassen von sich gestreckt, auf der Strasse, beinahe haette er ihn ueberfahren. Unser Fahrer meinte, der sei besoffen. Wir verlangten immer, dass er anhaelt, damit wir den Mann von der viel befahreren und unbeleuchteten Strasse wegziehen koennen, aber er hat sich mehrmals geweigert, auch die Passanten sind unbeeindruckt vorbeigegangen. Ich glaube ja kaum, dass es moeglich ist auf dieser Strasse laenger als 5 Minuten liegend zu ueberleben. Manchmal kriegt man bei so einem ueberbevoelkerten Land eben auch die harten und unmenschlichen Seiten mit…

Nach weiteren 12 Stunden holpriger Fahrt und mehrmals Umsteigen kamen wir in Goa an, einem kleinen Bundesstaat an der Westkueste, der frueher mal eine portugiesische Kolonie war und auch heute noch einiges vom alten Flair bewahrt hat. 12 Tage lagen wir am Strand von Benaulim, uebernachteten in einer Bambushuette direkt am Meer, assen jeden Abend Hai, Kingfish oder Thunfisch und tranken Bier, das hatten wir uns aber nach den harten Fahrten ohne Pause auch wirklich verdient. Wir liehen uns auch ein Motorrad aus und fuhren in die anderen Staedte der Umgebung, wo es teils Bars mit portugiesischer Musik gibt, in denen man sich wie in Westeuropa fuehlt. Die Leute in Goa sind wirklich sehr nett und offen, selbst die Verkaeufer sind nicht so aggressiv wie sonst, sondern interessieren sich sogar wirklich fuer einen, und nicht nur fuer unser Geld. Im Restaurant bekamen wir bald krasse Preisnachlaesse, ohne dass wir danach gefragt haetten - ein einmaliges Erlebnis in Indien!

Trotzdem mussten wir irgendwann weiter, also packten wir nach fast zwei Wochen zusammen und fuhren in 35 Stunden mit drei Mal Umsteigen hierher nach Rajasthan. Die Fahrt war nicht so nervig wie sonst, wir hatten immer nette Reisegefaehrten und recht saubere Zuege. Die Kinder einer indischen Familie haben die ganze Zeit mit uns gespielt, fast schon mehr als uns lieb war, immer wieder kamen indische Transvestiten und forderten Geld, damit sie die Gaeste nicht mit boesen Fluechen belegen (das koennen indische Transvestiten naemlich!). Es war schon seltsam, als wir drei Stunden vor Sonnenaufgang auf einem der vielen Bahnhoefe von Bombay auf den naechsten Zug warteten und die vollgestopften Pendlerzuege beobachteten: Vor fast genau drei Jahren war ich schon in dieser Stadt, nach acht Monaten Reise, um von hier nach Hause zu fliegen. Jetzt war ich wieder hier, auch nach acht Monaten Reise, aber wir haben noch einen langen Weg vor uns. In Goa haben wir wieder Kraft und Motivation getankt fuer die weitere Reise, und wir sind schon total gespannt was noch alles vor uns liegt. Wir werden jetzt wohl noch so drei Wochen in Indien bleiben, und dann tauchen wir erstmal ab in islamische Laender, wo die Leute sich ja grad leider wegen daenischen Provinzzeitungen erschiessen lassen. Aber bisher hat noch kein Klischee ueber andere Laender so wirklich gestimmt, sollte es grad bei diesen anders sein?

Die Ostindische Reisekompanie

Geschrieben von Andreas am Freitag den 27. Januar 2006

Mamallapuram, Indien

Namaste und ein frohes Neues!

Das neue Jahr hat uns schon einiges abverlangt, bzw. eher Indien. Wir haben die letzten Tage bis zur Ankunft meines Bruders Gri damit verbracht, in Kalkutta auf der Toilette zu sitzen, Klopapier zu kaufen und wieder zurueck aufs Klo zu rennen, wo wir mit explosionsartigem Durchfall den jeweils anderen belaestigten. Das ist anscheinend die ureigene Art von Kalkutta, einen zu begruessen, letztes Mal vor drei Jahren hatte ich das naemlich auch schon. Es ist schon seltsam, wir waren seit fast sieben Monaten ohne irgendwelche Probleme unterwegs, aber nach nicht mal ganz 24 Stunden in Indien konnten wir die naechsten vier Tage das Hotelzimmer kaum verlassen. Essen konnten wir auch nichts mehr, weil verdaechtigerweise indisches Essen auf dem Teller haargenauso aussieht wie eine Viertelstunde spaeter in der Keramikschuessel….Das Zimmer mit Bad hat sich jedenfalls gelohnt!

Am Heiligabend warteten wir vor dem nach Urin stinkenden Flughafen von Kalkutta, man konnte sich nicht hinsetzen und uns war schwindlig, und Gris Flug hatte Verspaetung, zum Glueck entschaedigte er uns dann aber mit Obatztem, Brezen und sauren Pommes. Obwohl einfach keine richtige Weihnachtsstimmung bei uns drei aufkam, mampften wir doch begeistert die Plaetzchen und den Stollen. Gri hatte sich anscheinend innerlich darauf vorbereitet, direkt in der Hoelle auf Erden zu landen, denn als wir durch die verpesteten Strassen von Kalkutta liefen, meinte er immer nur “Ist doch gar nicht so schlimm wie ich dachte”. An sich war es schon recht schlimm, was aber weniger an Armut oder Elend lag, sondern daran dass die Inder Meister darin sind, mehr oder weniger nervige Plaetze zu den furchtbarsten Orten der Erde zu machen. Da die Inder schon seit ueber 5000 Jahren sesshaft sind, haben sie das zu einer beneidenswerten Perfektion kultiviert: 1. Sie benutzen die lautesten Hupen, die ich jemals gehoert habe. Selbst eine kleine Rikscha kann so penetrant troeten, dass man danach noch eine Weile ein Klingeln im Ohr hat. Diese Hupen muessen, da der Laermpegel einer auch nur wenig befahreren Strasse unglaublich ist, staendig benutzt werden, weil man sonst nicht gehoert wird (Bremsen benutzen nur Weicheier). 2. Es gibt kaum ein Land mit mehr oeffentlichen Toiletten als Indien: Das ganze Land ist eine! Leute pissen und kacken einfach auf die Strasse, wer wissen will wie Indien riecht muss nur in die Maennertoilette am U-Bhf Marienplatz gehen und tief einatmen. Da die meisten barfuss laufen treten sie auch recht oft in (meistens fluesige) Kacke, die sie dann nach Hause tragen oder sonstwo hin, dadurch haben fast alle im Land Durchfall und muessen noch oefters auf die Strasse machen…. 3. Inder benutzen genau wie die Ostasiaten kein Deo. Nur schwitzen - aus welchen Gruenden auch immer - Ostasiaten irgendwie nicht, die “arischen” Inder allerdings schon, was einen am Busbahnhof vor das Dilemma stellt, lieber Abgasschwaden draussen oder Schweiss im Bus einzuatmen. 4. Die indische Auffassung von Hygiene ist komplett anders als unsere. Die Strassen werden wirklich oft gefegt, in Restaurants auch, aber anscheinend sind Koerpersaefte einfach nichts ekliges, was bei einem so ueberfuelltem Land wie Indien wohl notgedrungen hingenommen werden muss. Jedenfalls wird im Hotel Bettwaesche nicht gewechselt, Leute legen und setzen sich in Exkremente und legen sich am Bahnhof auch dann auf den dreckigen Boden, wenn genug freie Sitzplaetze da sind - auch reiche Inder tun das, und jeder normale Bahnhof wirkt dann wie ein Fluechtlingslager.

Naja, genug gelaestert, jedenfalls ist es unglaublich, wenn man aus einem “blitzsauberen” Land wie Myanmar kommt und dann sieht, wie die eigentlich reicheren Inder sich ihr Land selbst ein bisschen verschandeln, indem sie ueberall Muell hinwerfen, krassen Laerm produzieren und Krankheiten verbreiten, die es sonst vielleicht nur noch in armen Gebieten Afrikas gibt.

Nach Kalkutta, das eine recht harte aber gut komprimierte Einstimmung auf Indien gibt, auf dieses Nebeneinander von den Aermsten der Armen ohne Karton zum Zudecken, und den reichen Indern mit fettem Benz, fuhren wir nach Bodhgaya, dem Ort wo Buddha erleuchtet wurde. Vor Bodhgaya liegt Gaya, ein Ort der so schrecklich ist, dass man in seinem letzten Leben schon Massenmoerder gewesen sein muss, um gerade dort wiedergeboren zu werden. Bodhgaya selbst ist eine Oase der Erholung im chaotischen Indien, man hoert wieder buddhistische Gesaenge, Moenche aus Tibet, Korea, Kambodscha meditieren gemeinsam an ihrem heiligsten Ort. Ich konnte dem Hinduismus nie viel abgewinnen, der Fatalismus und diese Rechtfertigung von Arm und Reich wirken nicht gerade anziehend, und ich kann nachvollziehen warum in Indien vor 2500 Jahren Buddha einen veraenderten, “gerechteren” Hinduismus gruendete, er war sozusagen ein indischer Luther, aehem… Gri hat davon nichts mitbekommen, ihm ging es da - die Kalkutta-Begruessung eben - so mies dass er auf einer Parkbank einpennte. Als wir dann, zurueck in der Vorhoelle Gaya, ein Ticket weiter nach Varanasi kaufen wollten und eine halbe Stunde lang von dem Bahnbediensteten wie Untermenschen behandelt wurden und zu guter Letzt einfach abgewiesen (alle Menschen mit Uniform sind in Indien Halbgoetter, zumindest halten sie sich dafuer. Vielen Dank, liebe Briten, diesen glorreichen Teil westlicher Zivilisation hier einzufuehren!), mussten wir einen Inder fuer Geld beauftragen, sich dort zum Affen machen zu lassen und das Ticket zu kaufen. Nach einer weiteren Nachtfahrt, bei der die Frau neben mir nicht nur droehnend schnarchte, sondern auch bestaendig furzte und ausserdem nach verfaultem Fisch roch, kamen wir in Varanasi (Benares) an.

Varanasi ist die heiligste Stadt der Hindus, ein unentwirrbares Geflecht von engen verwinkelten Gassen, die zu Tempeln, Laeden oder Muellbergen fuehren. Der einzige Anhaltspunkt ist der heilige Ganges, der jeden Abend mit einer riesigen Zeremonie geehrt wird. Den ganzen Ganges entlang sind Badeghats, uralte Steintreppen, an denen die Inder runter in ihre geheiligte Kloake steigen um sich dort zu duschen oder zu erleichtern. Manche werfen auch die verbrannten Reste der Toten rein, die an den Verbrennungsghats verbrannt werden. Wir wohnten - wie vor drei Jahren - am Manikarnika-Ghat, einem der groessten Verbrennungsorte. Staendig wurden durch die engen Gassen neue in Goldfolie eingewickelte Leichen getragen, die je nach Budget auf besser riechendem Holz oder billigem verbrannt wurden. Wer in dieser Stadt stirbt, spart sich den langen und anstrengenden Weg durch die vielen Leben (sie sind v.a. in indischen Staedten sehr anstrengend!) und kommt gleich ins Nirvana, deshalb ist in Varanasi an Hospizen und Toten kein Mangel. Der erstgeborene Sohn laesst sich den Kopf kahlrasieren und vollfuehrt einige Riten mit dem Leichnam, und wenn er mal nicht hinschaut wuehlen die Bestattungsmitarbeiter in der Asche nach Goldzaehnen. Manchmal nimmt das dort fast schon industriellen Charakter an, wie sie da einen nach dem anderen verbrennen. Das hoert sich jetzt alles recht hart an, aber in Varanasi wirkt es nicht komisch. Die Ghats sind voll mit bekifften meditierenden Sadhus, heiligen Kuehen, Bettlern, Musikern und Brahmanen, ueberall ist etwas los, eine Stimmung wie wohl nirgends sonst herrscht in dieser Stadt. Ein paar Westler hat die Stimmung wohl zu sehr mitgerissen, wir sahen Europaeer die aussahen wie indische Sadhus, verschmutzt, nur mit einem Lendenschurz und einem Dreizack und total stoned. Dieses Land tut nicht jedem gut…

Was waere Indien ohne Bhang Lassi, und so probierte auch Gri mal eines, am 31. Dezember hielten wir uns aber konventionell an Alkohol, diesmal gabs schlechten Whiskey und bitteres indisches Bier, das neue Jahr feierten wir auf einer Trance-Party auf dem Dach unseres Hotels, wo Jetti dann mit den Indern auf daemliche Musik abspackte, waehrend die bekifften Israelis ihr mit langsamen Blicken zuschauten und der Rest der Stadt tatsaechlich ein paar Boeller in die Luft schoss. Naja, schlechter als auf dem Rathausplatz wars auch nicht…

Es war nicht wirklich kalt dort in Nordindien, aber auch nicht wirklich warm. Damit Gri noch den ersten Tropenstrand seines Lebens mitkriegt, taten wir uns eine 24h-Tortur in einem indischen Schlafzug gen Suedosten an, bei der wir einen sehr relaxten Schweizer trafen. Als wir dann - natuerlich mit Mordsverspaetung - in Puri an der Ostkueste ankamen, waren wir erst mal etwas enttaeuscht: Der Strand war nicht wirklich eine Schoenheit, wenn die Sonne unterging wurde es auch hier kalt und der Ort war recht lasch und siffig. Es gab dort eine Menge Westler die sich fuer ein halbes Jahr dort einquartiert hatten, aber das lag eher am dort besonders billig verfuegbaren Gras. Wir konnten dort trotzdem nett Jettis Geburtstag am 5.1. am Strand feiern, sogar einen Kuchen haben wir aufgetrieben, die Gaeste - Verkaeufer, Neugierige und Zeittotschlager - kamen dann von selbst und schenkten Jetti so nuetzliche Dinge wie Erdnuesse, falsche Perlen oder Bananen. Einer, der Herr ueber 50 Rikschas, wie er sagte, konnte sogar zaubern und zog eine Riesenschau ab wie an einem Kindergeburtstag. Jetti war total begeistert, es war sehr lustig. Der naechste Tag war nicht mehr so lustig, wir gingen Richtung Norden den Strand entlang und dort war alles vollgekackt, alle 5 Meter sass ein Inder da und machte wieder einen Haufen, die Frauen mit Fischen auf ihren Koepfen liefen einfach durch oder warfen die Fische in die Haufen. 6-7 tote Riesenschildkroeten lagen am Strand herum, die dummerweise in die Netze gekommen waren und dann einfach am Strand umgebracht wurden. Es war so ziemlich der ekligste Strand, den wir je gesehen hatten, Indien hatte sich wieder selbst uebertroffen! In den umliegenden Staedten, Bubaneshwar und Konarak, schauten wir uns echt krasse Tempel an, die man wohl am ehesten auf den Fotos nachvollziehen kann. Die indischen Touristen machten viel mehr Fotos von uns als von den Tempeln, wir wurden von Gruppe zu Gruppe weitergereicht und mussten posieren, bis wir nach einer halben Stunde vor unserem eigenem Ruhm fluechten mussten. Danach fuhren wir dann nochmal 30 harte Stunden noch weiter in den Sueden, damit Gri endlich zu seinem unverschissenen schoenen Tropenstrand kommt.

Mamallapuram, etwas suedlich von Chennai (Madras) in Tamil Nadu, war unser Ziel. Gri haette wohl nie damit gerechnet, in seinen drei Wochen so krass rumzukommen, aber jetzt war es immerhin richtig heiss, der Strand war schoen, und die Leute im Sueden waren auch viel angenehmer als im Norden. Im Norden will einem staendig irgendjemand was andrehen, alle schreien immer wegen irgendetwas - im Sueden sind die Leute fuer indische Verhaeltnisse schon sehr relaxed, es gibt weniger Bettler und weniger Muell in den Strassen. Mamallapuram war jedenfalls sehr angenehm, eine kleine Stadt mit vielen Tempeln und riesigen Steinen direkt am Meer. Wir mieteten uns klapprige kleine Motorraeder und fuhren planlos in der Gegend rum. Es gab viel zu sehen: Eine Krokodilfarm, ein Atomkraftwerk mit angebautem Nuklearversuchslabor und viele Fluechtlingslager fuer Tsunamigeschaedigte. Eine Verkaeuferin am Strand erzaehlte uns, dass in Mamallapuram eigentlich gar nicht soviel kaputt ging vor einem Jahr, es starben auch nur 3 Menschen im Vergleich zu mehreren zehntausend ein wenig weiter suedlich, aber es kam eben soviel Geld aus dem Westen dass jetzt auch viele Leute Haeuser haben, die vorher gar keines hatten. Sie sagte, frueher gab es 10 Fischerboote im Ort, als nach dem Tsunami die Regierung kam und fragte wessen Fischerboot die Welle mitgerissen hatte, meldete sich der halbe Ort - jetzt haben sie 200.

Auch ohne Tsunami ist das Meer dort sehr gefaehrlich, die Wellen sind wirklich krass und koennen einen schnell von den Beinen hauen, richtig schwimmen sind wir nicht gegangen, aber Gri fands glaub ich trotzdem cool. Es ist so eine Sache mit Indien, man braucht meistens so drei Wochen, um sich an dieses Land zu gewoehnen, egal ob man vorher in Deutschland oder in Myanmar war. Ich habe versucht das deutlich zu machen, indem ich am Anfang der Mail viel gemeckert habe und danach immer weniger, so war das in Echt auch bei uns. Und jetzt, jetzt gefaellt es uns auch hier, man muss erst den noetigen Humor zusammenkriegen um nicht alles so nervig zu finden. Ich mein hier nicht Armut oder Schmutz, von beidem gibt es in Indien nicht so viel wie man daheim glauben mag, es ist eher die aufdringliche Art von Hotelschleppern, der dreisten Taxifahrer, der unverschaemten Haendler die jede Monopolstellung ausnutzen (vor einigen Tagen wollte uns einer weismachen, auf Toilettenpapier gaebe es in Indien eine eigene Steuer, was es bei ihm so teuer macht), das voellige Fehlen des Wortes “Privatsphaere” (weshalb insbesondere Jetti staendig unverhohlen angegafft wird, und sich bei jedem Foto das man macht hinter einem ein Pulk von Menschen bildet) und die Art, ueber alles erstmal eine Viertelstunde zu diskutieren, bevor man es macht - selbst wenn man nur in den Bus ins Nachbardorf steigen will. Zu unserer Verteidigung koennen wir sagen, dass es nicht nur uns und vielen anderen Westlern so geht - auch ein Nepalese und ein Burmese haben uns dasselbe erzaehlt.

Gri jedenfalls musste heimfliegen, grad als er sich an Indien akklimatisiert hatte, kam mir vor. Ich hoffe, er war nicht abgeschreckt und wird sich noch oefters den Rucksack umspannen, denn wer Indien packt, packt eigentlich jedes Land. Und Indien ist auch eines dieser Laender, die man meistens erst so richtig cool findet, wenn man wieder daheim ist und ploetzlich wieder hin will.

Wir bleiben noch eine Weile im Sueden, geniessen die bruellende Hitze, die hier mit jedem Tag noch weiter zunimmt, und wuenschen euch einen ertraeglichen Januar!

Tage in Burma

Geschrieben von Andreas am Donnerstag den 22. Dezember 2005

Kalkutta, Indien

Mingalaba!

Und schon melden wir uns aus Indien, wo die Leute wieder Milch trinken und die durchschnittliche Koerpergroesse ueber 1,60 liegt, wir naehern uns also wieder der Heimat. Hinter uns liegen vier Wochen im Goldenen Land, einem der wohl exotischsten Laender bisher.

Wir flogen mit einer klapprigen “Biman Bangladesh”-Maschine, in der eine herausgerissene und noch nasse Bordtoilette vor dem Notausgang lag, nach Yangon (Rangoon), der Hauptstadt von Myanmar (Burma). Eckert und ich waren ja vor drei Jahren schon mal da und hatten ein paar Freundschaften geschlossen, deshalb wurden wir auch gleich von Win Win Htwe am Flughafen empfangen. Win Win Htwe ist damals drei Wochen mit Eckert und mir und U Indriya, ihrem “Master” und Moench, durchs Land gezogen. Jetzt ist sie Tourist Guide geworden, aber fuer uns hat sie sich sozusagen freigenommen, um mit uns nochmal durchs Land zu fahren. Immer wieder wurde ich gefragt warum Florian sich denn nie mehr gemeldet hat, aber das konnte ich ja auch nicht beantworten…

Weil das Land seit 50 Jahren von einer Militaeregierung zwangsisoliert wird, ist die Cocacolaisierung hier noch lang nicht so weit fortgeschritten wie in anderen Laendern: Fast kein Mann traegt Hosen, sondern einen Longyi, den traditionellen Wickelrock, der frueher mal von Indien bis Vietnam getragen wurde. Handys sind ausgesprochen selten, wir haben in 4 Wochen vielleicht 3 gesehen. Frauen wurden noch nicht mit daemlichen Kosmetikwerbungen aus Paris oder Duesseldorf eingelullt und schmieren sich Thanaka auf die Backen, eine aus einer bestimmten zerriebenen Rinde gewonnene Creme. Gekuesst wird ueberhaupt nicht, weder in Filmen noch privat im Zimmer - stell ich mir auch recht eklig vor, da hier ziemlich viele Leute Betelnuss kauen, was die Zaehne dunkelrot faerbt und einen staendig eine rote Sosse ausspucken laesst. Und als wir bei Win Win Htwe zuhause eingeladen waren, kam gleich die halbe Nachbarschaft vorbei und fragte uns sofort ob wir verheiratet sein - und gleich danach, wann wir denn heiraten. Es war unglaublich, egal mit wem wir geredet haben, jeder hatte ein Bild von Liebe und Heirat wie aus den schmalzigsten Liebesfilmen - vor der Hochzeit passiert erst mal gar nichts und danach ist man gluecklich bis ans Lebensende. Als wir sagten, dass wir nicht ans Heiraten denken, waren alle total bestuerzt! Dieser heilen “Weissblaue Geschichten”-Welt, in der anscheinend ja alles noch in Ordnung ist, steht eines der wohl krassesten Regimes der Erde gegenueber. Auf jeder Zeitung, an jeder grossen Strassenkreuzung, an jeder Polizeistation stehen grosse Propagandaschilder mit dem eher absurden “Willen des Volkes”(siehe Fotoseite). Die Nachrichten werden von einem General vorgelesen, und alle Nachrichten handeln nur davon wie andere Generaele dies oder das besucht haben. Wir Auslaender werden nur ins Land gelassen um moeglichst viel Geld dort zu lassen, weshalb die Regierung auch dafuer sorgt, dass wir fuer jeden Schmarrn zur Kasse gebten werden. Am liebsten waere es ihnen aber, wenn wir sonst nicht in Kontakt mit dem Land kommen: Wir mussten selbst fuer einen Besuch ohne Uebernachtung in Win Win Htwes Haus auf die Polizeistation und alles aufschreiben und genehmigen lassen, im Bus wurden wir alle zwei Stunden von einer weiteren Polizeisperre kontrolliert. Burmesen ist es eigentlich verboten, mit Auslaendern ueber Politik zu reden, und vor drei Jahren habe ich auch nie etwas gehoert. Dieses Mal haben uns aber mehrere Leute leise erzaehlt dass sie von “Banditen” regiert werden, und eine alte Frau war resigniert dass die Burmesen “zu feige” seien, um sich gegen die Diktatur aufzulehnen. Die meisten Leute haben aber, so kam es uns vor, ueberhaupt kein politisches Wissen oder Denken, und wie sollen sie auch ohne “echte” Zeitungen und mit zensiertem Internet?

Mit Win Win Htwe fuhren wir dann nach Mandalay, die Klimaanlage im Bus war so unglaublich runtergekuehlt, dass alle Burmesen krasse Wintermaentel anhatten und wir bibbernd auf dem Stuhl kauerten. Keiner konnte uns diese schwachsinnige Idee erklaeren, aber sie wollten das Teil auch nicht ausstellen - wenn man schon so nen Luxus im Bus hat, dann benutzt man ihn auch! Da ich deswegen eh nicht schlafen konnte und eh alle zwei Stunden wegen Polizeikontrollen aus dem Bus musste, hoerte ich mir dann einfach Weihnachtslieder auf dem mp3-Player an, die Kaelte war eine gute Einstimmung.

In Mandalay feierten wir Win Win Htwes 24. Geburtstag und besichtigten - was sonst? - Pagoden ueber Pagoden, die in der Gegend um den Ayeyarwaddy besonders gedraengt rumstehen.

Dann gings weiter nach Bagan, vor 900 Jahren eine Metropole und jetzt ein riesiges Ruinenfeld von Tempeln, die zwischen Reisfeldern aufragen. Auch beim zweiten Mal ist Bagan noch unglaublich beeindruckend, einer der schoensten Plaetze der Erde wuerde ich sagen. Wir eierten mit uralten Fahrraedern durch den Sand, sassen labernd auf Tempeldaechern und warteten auf den Sonnenuntergang. Wie bei den meisten Sehenswuerdigkeiten in Myanmar sagen unsere Fotos viel mehr aus als irgendwelche Beschreibungen…

Ueber Yangon fuhren wir dann nach Kyaiktiyo, einem riesigen goldenen Felsen, der so auf einem Felsvorsprung liegt dass man sich fragt warum er eigentlich nicht runterfaellt. Wir mussten uns einen Teil des Weges hochschleppen, weil Auslaender warumauchimmer den Lastwagen nicht bis ganz zum Gipfel nehmen duerfen, und oben erwartete uns dann eine Atmosphaere wie bei einem buddhistischen Weltjugendtag: Unzaehlige Jugendliche und Moenche hatten sich auf der Plattform ihr Nachtlager aufgeschlagen, ueberall hoerte man Gebete, der Geruch von zig Raeucherkerzen stieg uns in die Nase und unter dem Felsen wehte Blattgold durch die Luft, das sich wieder vom Felsen geloest hatte. Win Win Htwe fuhr von dort aus wieder zurueck nach Yangon, und wir weiter nach Mawlamyaing (Moulmein).

Mawlamyaing liegt an dieser duennen Landzunge, die zur Haelfte zu Thailand gehoert, und steht voll mit alten britischen Kolonialbauten und Palmen. Es war so unglaublich schwuel dort, dass wir es in vier Tagen kaum geschafft hatten, uns grossartig fort zu bewegen. Jede Viertelstunde mussten wir wieder in ein Strassencafe im Schatten fluechten, und den Abend im Biergarten liessen wir schon um vier Uhr anfangen. Unser Hotel war ein altes Kolonialhaus mit sehr hohen Waenden und einem riesigen Balkon. Wenn wir erschoepft auf dem Balkon sassen und der Sonne zusahen, wie sie hinter dem Meeresauslaeufer unterging, und die Besitzerin uns ungefragt Tee und Knabbereien hinstellte, kamen wir uns vor wie alte Kolonialherren.

Wieder zurueck in Yangon gingen wir zur Hochzeit von U Indriyas Bruder. U Indriya und seine Mutter waren eigentlich gegen die Hochzeit, aber sein Bruder hatte sich nunmal ploetzlich verliebt und in Myanmar muss man dann auch schnell heiraten. Zur Feier des Tages trugen auch Jetti und ich Longyis, uns wurde dann auch staendig gesagt wie toll das aussaehe. Ich hatte allerdings eher Probleme mit dem Teil: staendig ging es auf und ich konnte manchmal grad noch verhindern, vor der Hochzeitsgesellschaft in Unterhose dazustehen! Es gab Schokoladeneis, worauf sich alle Burmesen stuerzten, und kostenlos Zigaretten. Wir schenkten dem jungen Paar praktischerweise burmesische Toepfe und ein Hackbeil.

Als Jetti abends allein in unser Zimmer in Yangon kam, lag auf dem Boden ihr rotes Hoeschen - von einer luesternen Ratte zerfetzt, und ein bisschen verraeterische Rattenkacke daneben. Schockiert brachte Jetti die Angestellten dazu, uns ein anderes Zimmer zu geben (das kann Jetti echt gut!). Aber die Ratten waren wir deswegen nicht los, sie uebernahmen jeden Abend nach Sonnenuntergang den Bereich des Gemeinschaftsbads, vier oder fuenf von ihnen machten sich ueber die Seifestueckchen oder benutztes Toilettenpapier her und gingen auch nicht weg wenn man Zaehne putzen wollte. In der Nacht hoerten wir sie durch die Zwischenwaende poltern und fiepen. Als ich dann mal auf der Toilette sass, fiel ploetzlich eine Ratte durch ein Loch in der Decke und rannte immer zwischen meinen Beinen hin und her - kein angenehmes Gefuehl mit runtergelassenen Hosen! Dann wechselten wir das Hotel…

Wir mussten uns von Win Win Htwe verabschieden, sie hatte einen Kunden den sie durchs Land fuehren musste. Sie war sehr traurig und wir auch, man waechst schon zusammen in drei Wochen. Wir fuhren ins Delta des Ayeyarwaddy, nach Patthein, und von dort an den Strand von Chaungtha, wo wir uns nur an den Strand knallten.

Als wir dann ein weiteres Mal in Yangon ankamen, erwartete U Indriya uns und nahm uns mit in sein Kloster. Buddhistische Kloester darf man sich nicht so vorstellen wie die katholischen in Bayern. In Myanmar sind die Kloester meistens die coolsten Haeuser im Ort (ausser denen der Militaers natuerlich), und Moenche muessen auch nicht wirklich arbeiten. U Indriya unterrichtet englisch, und wir wurden im Klassenzimmer dann gebeten, etwas ueber unser Land zu erzaehlen. Das ist gar nicht so einfach wie es sich anhoert, wenn man bei einem Wissenstand von Null anfangen muss! Wie erklaert man Neuschwanstein, wenn keiner Walt Disney kennt? Oder Mercedes, wenn es die Marke in Myanmar nicht gibt?

Damit wir nicht wie die Moenche auf einer harten Bambusmatte schlafen mussten, klaubten die Moenche alle Decken die sie finden konnten zusammen, und abends gingen sie mit uns auf ein Pagodenfest, wo das Karussel per Menschenkraft angetrieben wurde: Wie Affen hangelten sich wendige Jugendliche von Kabine zu Kabine, um das Teil zum Drehen zu bringen. Fuer uns wars nicht so spannend, aber einer von U Indriyas Schuelern haette beinahe gekotzt.

Ein paar Tage spaeter flogen wir mit einer noch klapprigeren alten Fokker aus den 60ern (eine ausgemusterte indonesische Maschine) nach Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, wo wir dank der unglaublichen Verplantheit von Biman stundenlang zusehen durften wie alle an ihrer eigenen Buerokratie verzweifelten und schliesslich in ein gar nicht mal so schlechtes Hotel gefahren wurden. Aus dem durften wir aber eigentlich nicht raus, denn es sei ja sooo gefaehrlich in Dhaka. Selbst fuer fuenf Minuten draussen haben sie uns einen Beschuetzer mitgegeben. Am naechsten Morgen flogen wir weiter nach Kalkutta, und da sind wir noch jetzt und warten auf Gri, meinen kleinen Bruder. Ganz unerschrocken macht er sich naemlich auf, am Heiligabend in Indien einzufliegen und dann dreieinhalb Wochen im Land von Dharma, Durchfall und Dhal zu verbringen. Wenn wir Glueck haben ist sogar ein Obatzter mit Brezen im Gepaeck!

Da wir uns wohl vorher nicht nochmal melden: Frohes Fest und ein gutes neues Jahr!

Allein unter Chinesen

Geschrieben von Andreas am Samstag den 19. November 2005

Bangkok, Thailand

Sawasdee!

Ja, do schaugst, dass wir uns ploetzlich aus dem Land des Laechelns melden! Das kam fuer uns in etwa so unerwartet wie fuer euch, aber dazu spaeter mehr…

Vor gar nicht allzu langer Zeit haben wir uns ja aus Shanghai gemeldet (was eigentlich nicht gestimmt hat, wir waren schon woanders, aber das koennt ihr ja nicht wissen und tut auch nichts zur Sache…). Shanghai ist so ziemlich das, was die chinesische Regierung gern aus jeder Stadt machen wuerde: Eine riesige Weltmetropole mit riesigen Einkaufspassagen, grell beleuchteten Amuesiermeilen und einer atemberaubenden futuristischen Skyline, die sich im Flusswasser spiegelt. Hoert sich an wie unsere Beschreibung von Tokyo? So haetten es die Chinesen wohl auch gern, aber Shanghai ist wirrer, lauter, dreckiger und uneinheitlicher - eine Strasse ist noch das alte Hutong-China mit Mahjong-spielenden baertigen Maennern, und gleich dahinter erheben sich Wolkenkratzer, die aussehen als haetten sich die Architekten an einem schlechten B-Science-Fiction-Film aus den 70ern orientiert. Auch hier gab es eine City Planning Exhibition Hall wie in Peking, und auch hier will die Regierung das Stadtbild bis in 5 Jahren nochmals futuristischer gestalten - nur auf einem viel groesseren Level als in Peking. Viel Touritisches gibt es eigentlich nicht zu sehen in Shanghai, wir sind auf den Jin Mao Tower gefahren, einen der hoechsten Tuerme der Welt, sind durch die Ueberbleibsel der europaeischen Kolonialherren gewandert und haben das gemacht, was wohl jeder in Shanghai macht: Shoppen! Zig gebrannte DVDs und anderes Zeugs um nach Korea schon gleich das naechste Paket zu fuellen!

Danach fuhren wir nach Nanjing, eine weitere 7-Millionen-Stadt. Nanjing an sich ist nicht so huebsch, sie ist nur sehr bekannt als fruehere Hauptstadt Chinas und damit auch als riesiger Friedhof: Im 19. Jahrhundert hielt sich ein Aufstaendischer fuer den juengeren Bruder von Jesus und rief damit den groessten Buergerkrieg der Geschichte ins Leben, der 20 Millionen Menschenleben (!) forderte, im 2. Weltkrieg massakrierten die Japaner fast alle Zivilisten in der Stadt und dazwischen kaempften Nationalisten und Kommunisten um die Vorherrschaft. Deswegen steht die Stadt voll mit Denkmaelern. Wir haben uns dort mit dem Cousin von Peng, einem weiteren chinesischem Freund von Jetti, getroffen. Gleich zwei Tage haben er, sein Bruder und sein Freund Eric uns abends mitgenommen zum Essen, Disco und Karaoke (Mann, sind die Chinesen gut im Singen!). Das Essen war wirklich sehr gut, obwohl manche Gerichte wie zerhackte Taube in heissem Wasser, Fischkoepfe und Schweineknochen etwas gewoehnungsbeduerftig waren. Es war wirklich krass wie sich die drei um uns gekuemmert haben, obwohl wir ja eigentlich gar keinen direkten Bezug zu ihnen hatten - immer wieder haben sie gemeint, wir sollen eine gute Zeit in ihrer Heimatstadt haben. Das nenn ich mal positiven Lokalpatriotismus!

Die Fahrt von Nanjing in den Norden nach Luoyang am Gelben Fluss ging ueber Nacht in einem restlos ueberfuellten Abteil, in das die Chinesen sogar von Polizisten richtiggehend gepresst wurden. Obwohl es so eng war wie in der U-Bahn vor einem Fussballspiel, machten es sich alle gleich gemuetlich, zogen ihre Schuhe aus und nagten freudig an getrocknetem Fisch - beides hat die eh stickige Luft nicht unbedingt verbessert… Zum Schlafen kamen wir keine Minute, weil wir staendig angestarrt wurden, rumgerotzt oder gelabert wurde (und Chinesen reden sehr laut). Als wir dann in Luoyang ankamen, waren wir trotz aller Toleranz extrem angepisst und total uebermuedet.

Das hat sich dann auch in Luoyang selbst nicht gebessert, denn die Stadt gehoert zum Haesslichsten was wir in China bisher gesehen hatten. Jede Ecke sah genau gleich aus, denn alles war voll mit den gleichen abgelebten Betonbauten und ueber allem hing ein bestaendiger Dunst, der teilweise vom chinesischem Winter kam und teilweise von den ganzen Schloten in den Vororten. Nur unser Hotel konnten wir leicht finden, denn es war wieder mal mitten im Rotlichtbezirk. Die Nutten dort waren so dreist und haben mich sogar nach ihren Diensten gefragt, als Jetti neben mir stand. Ein Mal haben sie sogar Jetti gefragt, ob ich nicht nach oben kommen will! Selbst auf dem Zimmer blieb man nicht verschont, denn da haben sie einfach angerufen und mit pseudo-luesterner Stimme unverstaendliches Zeug auf Chinesisch gefloetet.

Gleich in der Naehe waren die Longmen-Grotten: Irgendwann einmal haben sehr glaeubige Buddhisten tausende von Buddha-Statuen aus dem weichen Stein zu beiden Seiten eines Flusstals gehauen, so viele dass es von weiter weg laut Reisefuehrer “wie Gorgonzola” aussieht. Die spirituelle Stimmung wird leider von schnatternden Touristengruppen mit Megaphonen gestoert, gebetet wird sowieso schon laenger nicht mehr dort.

Die Hauptsehenswuerdigkeit in der Umgebung von Luoyang ist aber das Shaolin-Kloster, der Ort an dem alle asiatischen Kampfsportarten ihren Anfang nahmen und der in zig mehr oder weniger daemlichen Kung-Fu-Filmen verewigt wurde. Schon als wir uebernaechtigt aus dem Zug von Nanjing stiegen wurden wir von nervigen Schleppern damit zugedroehnt, jeden Tag klopfte morgens um 7 eine aufdringliche Frau an unserer Tuer und rief “Shaolin, Shaolin!” - man konnte ihm einfach nicht mehr entkommen. Wie das nun mal so ist: Wenn zuviel Hype um irgendwas gemacht wird, hat man irgendwann gar keinen Bock mehr drauf. Wir fuhren also lustlos zum Shaolin-Kloster, latschten durch ein ganzes Dorf das nur aus Souvenirstaenden und aufdringlichen Leuten bestand und erfuhren dann dass dreisterweise gleich 10 Euro fuer das Kloster verlangt wurden, das anscheinend total zu Disneyland verkommen ist! Wir fuhren wieder ohne reinzugehen und wurden immer noch deprimierter von China. Es ist irgendwann richtig nervig, wenn es nur ums Verkaufen geht, ums Modernisieren, Handeln und Betonieren. Es ist krass in jedem Museum lesen zu muessen wie unglaublich ueberlegen die chinesische Zivilisation jeder anderen ist, nur um dann sehen zu muessen wie die Chinesen alle alten Aspekte ihrer Kultur die man nicht vermarkten kann wegreissen und gleichfoermige Kaesten hinstellen. Wir rechneten aus dass wir bis nach Kunming im Sueden noch fast 100 Stunden Zugfahrt vor uns hatten und dass der Flug von dort nach Myanmar (Burma) sehr teuer ist, und dass wir nur etwa 50 Euro mehr zahlen muessten, wenn wir direkt nach Bangkok fliegen wuerden, weil dort die Fluege nach Myanmar extrem billig sind. Also suchten wir ein Reisebuero (gar nicht so einfach), machten den Leuten klar dass wir nach Bangkok in Thailand wollten (auch nicht leicht, die ganzen sinozentrischen Leute dort mussten sogar im Atlas nachschauen wo Bangkok ist - im Reisebuero!) und buchten einen Flug.

Dann fuhren wir erst mal 8 Stunden weiter nach Westen. Im Zug trafen wir einen 2-Meter-Chinesen, der sich ganz klischeemaessig als Spieler der CBA entpuppte - das ist die chinesische NBA. Anfangs war es ganz nett zu labern, aber er hoerte nicht mehr auf, irgendwann stellte er Fragen wie “Welche Tiere magst du?” oder “Magst du blau auch gern?”, nur um englisch zu reden - und das die ganze Fahrt ueber! Wieder mal angespannt kamen wir nach X’ian, auch eine alte Hauptstadt, die eigentlich ganz nett ist und in deren Naehe es die wirklich krasse Terracotta-Armee zu sehen gibt - der erste Kaiser von China hatte sich neben sein Grab eine ganze Armee aus Ton nachbauen lassen und ein Bauer hatte sie in den 70ern beim Buddeln wiederentdeckt (jetzt sitzt er an nem Schreibtisch auf dem Gelaende und unterschreibt Postkarten!). So eindrucksvoll die Leistung damals auch war, aber die Restauratoren hatten wohl nochmal dieselbe Arbeit beim Wiederzusammensetzen der Millionen Scherben.

Um unseren Flug zu nehmen mussten wir wieder 9 Stunden nach Zhengzhou fahren, Flughaefen sind recht selten in China. Der Flughafen war 40km ausserhalb der Stadt, und unser total uebermuedeter Taxifahrer schlief waehrend der Fahrt immer wieder kurz ein, nur durch lautes (und inbruenstiges) Schreien konnten wir ihn davon abbringen, immer wieder auf die Gegenspur in einen Lastwagen zu lenken. Wir kamen trotz des fruehen morgens hellwach an und waren echt froh noch am Leben zu sein. Da machte es mir dann schon nicht mehr soviel aus, dass ich die heftige und sinnlose Argumentation mit den chinesischen Zoellnern wegen meinem japanischen Wodka verlor. Ich musste ihn wegschmeissen, weil ich mich ja im Flugzeug betrinken koennte, und lief danach an den Whiskeyflaschen im Dutyfree vorbei…

Eine letzte Erfahrung mit chinesischer Pseudointernationalitaet hatten wir dann noch beim Umsteigen in Guangzhou, einem Flughafen der noch groesser ist als Frankfurt und in dem man nirgendwo chinesische Waehrung in Devisen umtauschen konnte (”Only possible in the city centre”) - nichts wie weg!

Als wir dann unseren Fuss ins schwuelheisse Bangkok setzten war es fast wie Heimkommen. Wir waren beide schon mal da, jeder konnte Englisch, keiner lachte uns aus und alles war ploetzlich so leicht zu organisieren! Die Khao San Road ist immer noch derselbe Hort von Moechtegern-Indiana-Jones’es, Pseudo-Hippies und Thai-Transvestiten, wenngleich sich der frueher allgegenwaertige Marihuana-Dampf etwas verzogen hat und ein paar edlere Laeden eingezogen sind. Innerhalb eines Tages konnten wir zwei weitere Fluege buchen, ein Visum organisieren, Sachen einkaufen und den Bus nach Ko Chang, eine Insel im Osten Thailands buchen. Und am Abend schafften wir es sogar noch, uns mit Nout (Jetti hat war mit ihr zusammen in Vietnam unterwegs letztes Jahr) zum Abendessen zu treffen.

Die Fahrt nach Ko Chang war leider wieder verplant, wir kamen in einem dieser typischen verschlafenen Orte mit drei Laeden und fuenf Palmen an und warteten auf die Faehre, nur um dann zu merken dass man uns in den falschen Bus gesetzt hatte: Wir waren in Aranyaprathet, dem Grenzort zu Kambodscha, vier Stunden vom Meer entfernt! Zusammen mit Frederique, einem lustigen Franzosen, machten wir dann so lange Terz bis sie uns nach Ko Chang brachten, wo wir dann spaet abends uebersetzten und auch noch eine deutsche Stewardess, Nina, trafen. Zu viert zogen wir danach an einen einsamen Strand um, an dem 12 Bungalows im Nichts standen und ausser uns niemand wohnte, was nach dem ueberbevoelkerten China eine sehr angenehme Erfahrung war. Frederique konnte nicht so gut englisch, und so ergab sich eine Win-Win-Situation: Er lernte Englisch beim Reden, und ich entdeckte dass ich ja doch noch Franzoesisch reden kann (Haettest du das fuer moeglich gehalten, Tobi?)! Jetti spricht ja sowieso krass gut, wie Frederique und ich erstaunt feststellten. Nach 2 Tagen fuhren die beiden, Jetti und ich blieben ganz allein am Strand zurueck, an dem ausser uns nur Hunde und Huehner waren, selbst die Besitzer waren nie da. Wir mieteten uns ein Moped und fuhren um die Insel, das alles hatten wir uns glauben wir schon verdient.

Jetzt sind wir wieder in Bangkok, morgen gehts dann mit Biman Bangladesh (was denn? die sind billig!) nach Myanmar, wo wir Win Win Htwe und den Moench Indriya treffen werden, zwei alte Bekannte von mir. Da das Land von der UNO nicht zu Unrecht mit Nordkorea verglichen wird, koennen wir dort wohl keinen Bericht hochladen, wir melden uns dann wieder aus Kalkutta.

Bis dann, und viele Gruesse aus Bangkok!

Big in Japan!

Geschrieben von Andreas am Sonntag den 6. November 2005

Shanghai, China

Moshi, moshi!

Keine Ahnung, ob man diese Begruessung auch bei Emails oder nur am Telefon benutzt, aber sie ist einfach zu geil… Rein geographisch sind wir schon wieder im Reich der Mitte, aber da wir seit dem letzten Eintrag fast nur in Japan waren, halte ich es mal fuer legitim, auf japanisch zu gruessen.

Kurz bevor wir aus Seoul abfuhren kam auch schon frisch aus dem Jemen Rickis naechster Besuch an, ihr Freund Hendrik. Zusammen verbrachten wir noch einen lustigen Abend im Norebang (koreanisches Karaoke), bevor wir unser zweites Zuhause bei Ricki verlassen mussten. Wir hatten uns schon so eingelebt, dass es fast wie ein zweites Mal Losfahren fuer uns war. Mit dem Bus fuhren wir nach Busan, eine nette Hafenstadt an der Suedspitze Koreas. Im Vergleich zum hektischen Seoul waren die Leute total entspannt und freundlich, obwohl gerade das riesige “Pusan International Film Festival” die ganze Innenstadt in eine Party verwandelt hatte. Fuer das “International” im Namen waren anscheinend wir beide zustaendig, wir wurden eigentlich staendig gefilmt oder fotografiert: Beim Plakate anschauen, beim Programm lesen, beim Anstehen, beim Cola trinken… Eine freundliche alte Frau meinte dann auch: “Es ist wirklich sehr international, dieses Festival - ich stehe gerade hier und rede Englisch mit euch!” (Die letzten Fotos von Suedkorea beginnen ab hier )

Von Busan nahmen wir die Faehre nach Japan. 16 Stunden dauerte die Fahrt ueber die Tsushima Straits, unser Schlafsaal war typisch japanisch mit Matami-Matten auf dem Boden ausgelegt, und die Preise waren es ebenso. Frueh am Morgen kamen wir in Shimonoseki, an der Suedwestspitze von Honshu (der groessten japanischen Insel) an und nahmen den Zug ins 3 Stunden entfernte Hiroschima. Diese Stadt duerfte ja ausnahmsweise mal wieder absolut jedem ein Begriff sein, aber von der Atombombe sieht man nicht mehr viel. Obwohl die Stadt 1945 fast komplett ausradiert wurde, steht an derselben Stelle jetzt wieder eine typisch japanische Stadt mit Hochhaeusern, teuren Shoppingmalls und blankgeputzten Gehsteigen. Nur im Zentrum steht noch der A-Bomb-Dome, das Gerippe des Gebauedes, ueber dem die Atombombe explodierte und das deswegen seltsamerweise nicht von der Druckwelle weggefegt wurde. Gleich daneben ist ein riesiger Peace Memorial Park und ein Museum, in dem man verbogene Stahltraeger, stehengebliebene Uhren und recht graessliche Wachsfiguren sehen kann, die anschaulich zeigen wie es aussieht wenn Menschen die Haut vom Koerper schmilzt. Negativ ist nur, das eigentlich fast gar nicht erwaehnt wird, warum die Amis eigentlich die Atombomben auf Japan abgeworfen haben. Dieses Hinwegsehen ueber den Krieg ist auch der Grund, warum die Japaner in China und auch Korea immer noch als sadistische Samuraischwertschwingende Babyzerhaecksler gesehen werden, obwohl sie sich selbst wegen Hiroschima eher als Opfer des Kriegs sehen.

Mit dem Uebernachtbus fuhren wir weiter bis Tokyo, vorbei an der wirklich spektakulaeren japanischen Kueste und unzaehligen kleinen und groesseren Staedten. Auch wenn Japan mindestens so vollgebaut wie China ist, wirkt es doch ganz anders, die Japaner haben das mit viel mehr Stil (und Geld natuerlich…) betrieben, und sie bauen auch wirklich noch sehr oft so typisch japanische Holzhaeuser mit Papierwaenden, wie man sie aus den Samuraifilmen kennt! Wir kamen recht frueh in der Tokyo Station an, einer nicht endenwollenden Ansammlung von Designerlaeden, Manga-Buchlaeden und Eingaengen zu allen moeglichen U-Bahnen. Tokyo ist nicht nur die einwohnermaessig groesste Stadt der Welt (jaja, wenn man anders zaehlt nicht, ich weiss…), sie haben - um es noch unuebersichtlicher zu machen - auch noch verschiedene U-Bahn-Betreiber, dazu noch private Magnetschwebebahnen, Skytrains und Nahverkehrszuege. Man steht also vor einem der mehreren U-Bahn-Plaene, die eher wie Schaltkreiszeichnungen wirken, und kann seine Haltestelle gar nicht finden, weil sie von einer anderen Company angefahren wird! Nichtdestotrotz schafften wir es ziemlich uebermuedet, in die Gegend unseres Billighotels in Tokyo zu kommen (37 Euro fuer ein Doppelzimmer! In Tokyo! Ein Hoch auf Google!). Auf den ersten Blick waren wir eher enttaeuscht, das Viertel sah so aus wie die Pappmache-Boxen, durch die der Plastik-Godzilla aus den 70ern immer stolpert, und ueberall lagen schon morgens Penner auf der Strasse, die sich billigen Sake reinzogen. Aber was will man schon erwarten, wenn man in der teuersten Stadt der Welt ein Hotel sucht? Unser Zimmer war dann auch gerade so gross, dass man zwei Matami-Matten auf dem Fussboden ausbreiten konnte, fuer die Rucksaecke hats schon kaum mehr gereicht, aber wir waren ja eh nicht hier um im Zimmer zu liegen.

Tja, wie soll man Tokyo beschreiben? Teilweise ist es wie in einem Science-Fiction-Film, wenn man in einer unglaublich schnellen Hochbahn an futuristischen Hochhaeusern vorbeirast, waehrend die Leute auf ihren Handys fernsehen. Sogar in den siffigsten Lokalen oeffnet sich die Tuer automatisch mit einem Enterprise-maessigen Seufzen zur Seite. Und auch alte fertige Studentenautos haben einen Flachbildschirm im Cockpit. Die Toiletten haben alle beheizte Sitze, schalten automatisch ein Bergbachrauschen ein, um die Pinkelgeraeusche zu uebertoenen und bedanken sich danach auch noch freundlich bei einem, dass man sich auf sie draufgesetzt hat! Und wenn man hier einen Handtrockner benutzt, ist das nicht so ein an die Wand geschraubter Aldi-Foen wie bei uns, sondern ein Turbo-Mitsubishi-Teil, das einem innerhalb von 10 Sekunden die Haende wirklich trocken blaest! Okay, ich versteif mich grad zu sehr auf sanitaere Einrichtungen, aber die riesigen Bildschirme an den Haeuserwaenden und die ueberladenen blinkenden Einkaufsstrassen kennt ihr ja eh aus dem Fernsehen.

Noch seltsamer sind allerdings die Japaner selbst: Ich war noch nie in einem asiatischen Land, in dem die Leute hoeflicher und freundlicher waren als hier. Wenn man ein Geschaeft betritt wird man schon freundlich besaeuselt, und wenn man das Rueckgeld bekommt folgt eine fast nicht endenwollende Dankesrede. Die juengeren Leute haben noch individualistischere Styles entwickelt als irgendwo im Westen, und noch dazu bringen sie sie viel ueberzogener zum Ausdruck: Ein japanischer Rockabilly (oder wie man sie nennen soll) ist schon von weitem zu erkennen, aber auch die Gothics, Hippies, Punks, John-Lennon-Lookalikes und natuerlich die Ich-bin-so-unglaublich-niedlich-Fraktion stylen sich bis zum Exzess. Man kann sich eigentlich auch nen ganzen Tag nur hinsetzen und die verrueckten Leute beobachten! Besonders die Niedlichen sind extrem weit verbreitet, auch viele Maenner haengen sich rosa Herzchen an ihre Handys oder niedliche kleine Pokemons an ihre Aktentaschen. Irgendwann muss da in Japan mal was falsch gelaufen sein, denn die Frauen uebertreiben es dermassen damit, dass es (unserer Meinung nach) gleich zu einem nationalen Gehfelhlerproblem gefuehrt hat: Fast alle Frauen laufen mit ihren Knien so nahe beieinander, dass wir uns manchmal schon gewundert haben warum sie nicht umfallen. Der Kitsch schlaegt einem so geballt entgegen, dass ein Besuch in Disneyland dagegen wie grauer Realismus wirken muss: Ueberall kulleraeugige Mangafiguren, rosa und pinke Schriften und natuerlich die Maedchen, die es teilweise echt gut schaffen, genauso wie die Figuren in den japanischen Comics auszusehen! Zufaellig kamen wir in Ginza zu einem (natuerlich in rosa gehaltenen) Model-Contest, und die Bewerberinnen hatten alle so uebertrieben unschuldige und niedliche Blicke drauf, und dazu noch alle krasse Brautkleider an, dass wir es fast fuer eine Parodie gehalten haetten! Jedem Model wurde eine kurze Ansprache ihrer Eltern auf einem Grossbildschirm gezeigt, und wie auf Kommando fing jede von ihnen zum Heulen an - eine von ihnen war sogar so nah am Wasser gebaut, dass sie auch bei den Filmen der anderen Teilnehmerinnen immer mitheulte!

Aber es gibt auch ein anderes Japan, wie wir beim Besuch des Yasukuni-Schreins mitbekommen hatten. In diesem Shinto-Schrein wurden alle Kriegstoten Japans zu Goettern erklaert, unter anderem auch ein paar von den Alliierten in der japanischen Version der Nuernberger Prozesse hingerichteten Kriegsverbrechern. Ein Tag vor uns war Praesident Koizumi wieder mal zum Beten da - das chinesische Fernsehen hier in Shanghai ist immer noch ausser sich vor Wut. Der Schrein an sich sieht so aus wie die meisten anderen Shinto-Schreine, aber gleich daneben ist ein Museum, das stolz Kamikaze-Torpedos (sozusagen die ersten Cruise Missiles, nur dass ein Mensch die Torpedos von innen steuert) austellt, den 2. Weltkrieg als Versuch zur Befreiung Asiens umdeutet, die Massaker an Zivilisten in China verharmlost (”Alles verkappte Soldaten”) und behauptet, die Amerikaner haetten sie zum Angriff auf Pearl Harbour gezwungen. Das waere ungefaehr so, als stuende in der Mitte Berlins ein Museum, das den Holocaust verleugnete und behaupten wuerde, der Versailler Vertrag haette die Nazis zum 2. WK gezwungen - was das Yasukuni-Museum uebrigens auch tut, Achsenmaechte halten zusammen. So etwas krasses habe ich noch nie gesehen, und ich kann die Chinesen und Koreaner bestens verstehen. Man muss natuerlich auch dazu sagen, dass alle jungen Japaner, die wir getroffen haben, anders darueber denken und finden, dass Japan durch diese Aktionen noch mehr Gesicht verliert als wenn die Regierung sagen wuerde “Okay, war grosser Mist damals, tut uns leid”.

Mit dem heutigen Japan hat das alles natuerlich nicht mehr allzuviel zu tun. Es wirkt, als gehe es mehr um Technik und Perfektion. Jede grosse Technikfirma hat einen “Showroom” in Tokyo, die eher die Groesse von Hochhaeusern haben. Im Apple-Haus haben wir mit Ipods rumgespielt die Videos zeigen, und bei Sony einen Roboterhunde Gassi gefuehrt und die groessten Fernseher der Welt bestaunt. So seltsam die Japaner auch auf den ersten Blick wirken, vieles erinnert einen auch an die Deutschen: Nicht nur die Perfektionierungswut in Sachen Organisieren, sondern auch die krasse Untergebenheit gegenueber Regeln und Gesetzen. Egal wie sinnlos eine Regel oder ein Gebot ist, die Japaner halten sich daran und weisen Leute zurecht, die das nicht tun. Jede noch so kleine Strassenkreuzung in Japan hat eine Ampel, und selbst mitten in der Nacht, wenn weit und breit kein Auto zu sehen ist, kommt niemand auf die Idee, bei rot zu gehen. Auf fast allen Strassen ist das Rauchen verboten (”Es gibt auch Passanten mit Asthma”), und es raucht auch niemand auf der Strasse, stattdessen gehen alle in McDonalds oder andere Lokale, wo das Rauchen erlaubt ist und deswegen ein undurchdringlicher Dampf im Raum haengt, der bestimmt schaedlicher ist als eine Zigarette im Freien. Und an jeder noch so unwichtigen Baustelle steht ein Beamter, der den Passanten den offensichtlichen Weg weist - anstatt ueber die Verschwendung ihrer Steuergelder zu motzen, bedanken sich alle freundlich bei ihm.

Tokyo war nicht nur der oestlichste Punkt an dem wir jemals waren, sondern sozusagen auch der Wendepunkt unserer Reise - ab jetzt geht es ganz langsam wieder zurueck nach Westen in Richtung Heimat - aber keine uebertriebene Vorfreude oder Angst, die Rueckreise dauert fast zweimal so lang! Nach knapp einer Woche, in denen wir uns von billigen Reisecken, geteilten McDonald’s-Menues und einer ueberlebenssichernden japanischen Kette namens Yoshinoya ernaehrt hatten, nahmen wir dann den fuer Japan sehr billigen Nachtbus nach Kyoto, der alten Hauptstadt Japans. Dort kamen wir um 5 Uhr morgens an, wurden vom Bahnhofspersonal freundlichst darauf hingewiesen, nicht herumzulungern (versifftes Drittwelt-Europaeer-Pack!) und liefen erst mal geschlagene 5 Stunden mit dem Rucksack durch die komplette Innenstadt auf der Suche nach einem nicht total krass teuren Hotel - in Japan ueberlegten wir uns sogar das U-Bahnfahren zwei Mal (2 Euro pro Fahrt), Taxis waren total ausser Frage. Wir landeten in einem typischen Traveller-Dormitory, wo Amerikaner ihre abenteuerlichen Erlebnisse in Japan zum Besten gaben - aber leider nur fuer eine Nacht. Samstags war alles ausgebucht, und wir Sparfuechse dachten uns, es ware eine grosse Erleichterung fuer unser Budget, einfach durchzumachen! Tagsueber war es auch noch sehr angenehm, mit perfekt gestalteten Zen-Steingaerten, Shinto-Schreinen, Palaesten und einem Besuch in einem Onsen. Letzteres ist ein nach Geschlechtern getrenntes Bad, in dem man komplett nackt in bruehend heissem Wasser sitzt oder in eiskaltem, und es neben Sprudelbecken sogar Wasser mit Elektroschocks gibt! Ich habe immer gehofft, anhand der Taetowierungen einen Yakuza (japanischer Mafioso) zu erkennen, aber wir waren wohl in einem Langweiler-Vorort… Nachts fuhren wir noch ausserhalb zu einem seltsamen Fackelumzug (der Grund fuer die ausgebuchten Zimmer) und merkten schon dort, dass es unangenehm kalt wird, wenn man nicht neben einem Feuer steht. Wieder zurueck in Kyoto fing es dann an unglaublich zu regnen, und mit einem italo-amerikanischen Paerchen begaben wir uns dann auf die lange Suche nach einem Karaokeschuppen. Wir kamen nicht sonderlich zu Wort, denn der Amerikaner war sehr davon ueberzeugt, nur interessantes Zeugs zu labern. Total durchnaesst wollten wir dann doch nicht gleich in dem Karaokeraum pennen wie das Paerchen, sondern doch lieber singen, also stapften wir allein weiter durch die Stadt. Wir fanden eine weitere Gruppe von Amerikanern, die alle mehr oder weniger gut Japanisch lernten und dasselbe Problem wie wir hatten. Nach mehreren Kilometern durchs eiskalte Kyoto und einigen Bieren fanden wir einen weiteren Karaokeladen, in dem wir dann bis 6 Uhr sangen. Bis dahin mutierte einer der Amis zum totalen Psycho, die anderen wurden einfach nur dicht vom kostenlosen (!) Alkohol, den es zum Singen dazu gab. Gegen 8 kamen wir wieder in unserem Hotel an, sie oeffneten gerade die Tueren und wir waren immer noch durchnaesst, verfroren und dicht. Jetti pennte zuerst auf der Couch und dann auf dem Gang neben der Toilette ein, und ich konnte die Rezeptionistin ueberreden, uns doch einen noch nicht geputzten Raum zu geben. Wir schliefen gleich ein wie Steine und verbrachten den Rest des Tages mit dem Kopf ueber der Kloschuessel und dem Schlucken von Aspirin - man sollte sich doch nicht zu frueh freuen, wenn man im teuren Japan was kostenlos kriegt!

Nach ein paar Tagen fuhren wir nach Kobe und nahmen von dort die Faehre nach Shanghai. Genau zwei Tage dauerte die Fahrt, aber schon nach 2 Stunden hatte Mr. Lee, ein etwa 60-jaehriger chinesischer Philosophieprofessor (jedenfalls hat er das behauptet!), uns und die anderen japanischen Rucksackreisenden im Zimmer zu einer kleinen Party mit literweise Sake und geraeuchertem Fisch eingeladen, die zumindest er selbst von Anfang bis Ende der Fahrt durchzog, die lange Fahrt ueber das Gelbe Meer verging also wie im Flug. Die Faehre fuhr ueber den Yangtze bis ins Herz von Shanghai - aber nach Tokyo waren die futuristischen Wolkenkratzer nicht mehr so beeindruckend wie sie zweifellos sein sollten. Wenn man aus Japan kommt, wirkt China noch viel wuseliger: Die Leute reden um einige Dezibel lauter, sie sehen Ampeln eher als lustige Lichtspiele ueber der Strasse, und sie rauchen, essen und trinken wo es ihnen gefaellt - sehr sehr angenehm! Eine der Japanerinnen an Bord der Faehre war total schockiert, als sie die Chinesen beim Essen gesehen hatte und das Schlachtfeld auf dem Tisch danach, und als sie aus der Faehre stieg wurde ihr noch bewusster, dass China und Japan echt grundverschieden sind. Wir werden jetzt erst mal hoch zum Gelben Fluss fahren und dann in den Westen.

Bis naechstes Mal aus werweisswo!